Leistungsfähigkeit

In meinem anderen Blog liberalitas-online habe ich zuletzt einen recht polemischen Text zu älteren Geistesgrößen und ihren Diskussionsbeiträgen in unserer Medienlandschaft veröffentlicht. In dem Text vermutete ich, dass einige der sich letztes Jahr aufgrund der Flüchtlingskrise vehement Äußernden ihren intellektuellen Zenit erkennbar überschritten haben. Dies ist eine These, die ich hier allgemein begründen möchte, da sie vielleicht eine gute Grundlage für Diskussionen über Rentensysteme, die Qualität von Universitäten und optimale Gruppenzusammensetzungen darstellt.

Zunächst möchte ich ein Modell vorschlagen. Dieses Modell ist weder empirisch überprüft noch wissenschaftlich fundiert, es soll nur eine erste Diskussionsgrundlage sein und basiert vor allem auf Beobachtungen meinerseits.

Wenn wir über menschliche Leistungsfähigkeit reden, so hat diese mehrere Aspekte, die sich gegenseitig beeinflussen:

  • die körperliche Leistungsfähigkeit: Parameter sind z.B. Geschwindigkeit und Beschleunigung, Ausdauer, Kraft und Reaktionsgeschwindigkeit. Darüber hinaus fallen darunter auch die Fähigkeiten, Sinneseindrücke wahrzunehmen und zu verarbeiten.
  • die intellektuelle Leistungsfähigkeit: Parameter sind hier Problemlösungsfähigkeiten, Methodenkompetenz und Abstraktionsvermögen, also alle Fähigkeiten, die es einem Menschen ermöglichen, für neue Problemstellungen adäquate Lösungen zu erarbeiten.
  • die Lebenserfahrung. Parameter sind Wissensbreite und -tiefe, erlerntes und anwendbares Methodenwissen und Übung, also alle Fähigkeiten, die es einem Menschen ermöglichen, ohne grundlegend neue Lösungsentwicklung schnell zu adäquaten Lösungen zu kommen.

Diese drei Aspekte der menschlichen Leistungsfähigkeit entwickeln sich während der Kindheit und Jugend, erreichen irgendwann ein Maximum und haben dann leider mehr oder weniger die Tendenz, mit zunehmendem Alter wieder schwächer zu werden. Alle drei allerdings in unterschiedlichen Verläufen.

Ich habe meine These bzgl. der Verläufe für einen Mann – ich beobachte ja unter anderem vor allem mich – in folgender Graphik skizziert:

Leistung_ideal100% meint dabei das bei optimalem Training erreichbare Maximum eines Menschen, das aber die wenigsten von uns mangels Übung jemals erreichen. Weiterhin sind die vorgestellten Verläufe nicht auf jeden Menschen verallgemeinerungsfähig.

Die körperliche Leistungsfähigkeit steigt beim Mann bis in die frühen 20er steil an und erreicht irgendwann zwischen 20 und 25 ihren Maximalwert. Dass Leistungssportler häufig bis in die 30er mithalten können, liegt meiner Vermutung nach an weiteren Trainingseffekten und vor allem an zunehmender Erfahrung – man muss mit seinen Fähigkeiten auch haushalten und sie zielgerichtet einsetzen können. Ab Ende 20 nehmen allerdings häufig die körperlichen Schäden zu und allgemein ist ein Verlust an Reaktionsgeschwindigkeit und Kraft beobachtbar, was ab Anfang oder Mitte 30 häufig zum Ausstieg eines Athleten aus dem Leistungssport führt. Doping – also die Einnahme von leistungsfördernden oder schmerzstillenden und die körperliche Abbauentwicklung herauszögernden Mitteln – führt vielleicht zu einer leichten Verbreiterung des Leistungsplateaus nach rechts, danach aber häufig zu einem deutlich steileren Abfall der Leistungsfähigkeit bis in die Invalidität hinein.

Beispiele für die generelle Plausibilität der These sind z.B.

  • Boris Becker. Er gewann mit 17 zum ersten Mal Wimbledon, spielte bis Ende 20 auf höchstem Niveau (Sieg in den Australian Open mit 28) und trat mit 31 vom Profisport zurück.
  • Franz Beckenbauer. Er begann mit 18 in der ersten Bundesliga zu spielen, spielte dort und in der Nationalmannschaft bis 32 und wechselte danach zu einer Mannschaft in den USA, spielte nochmals mit 35 bis 37 in der ersten Bundesliga und beendet mit 38 seine aktive Karriere.
  • Carl Lewis: Er war mit 19 zum ersten Mal für die Mannschaft der USA für die Olympischen Spiele nominiert, vollbrachte läuferische und weitspringerische Höchstleistungen bis ins Alter von 35 und stieg danach aus dem Leistungssport aus.

Die intellektuelle Leistungsfähigkeit steigt etwas langsamer an und erreicht mit Mitte 30 ihren Höhepunkt. Dies hat meines Erachtens mit dem notwendigen Erwerb von anwendbarem Wissen und Methodenfähigkeit zu tun, der sich langsamer vollzieht als die Entwicklung der körperlichen Fähigkeiten. Nicht umsonst hat unser Ausbildungssystem seine höchste Stufe mit der Habilitation mit Anfang bzw. Mitte 30 erreicht, die ein breites und vor allem tiefes Wissensfundament voraussetzt. Einzelne genialische Glanzleistungen sind sicherlich bereits mit Anfang oder Mitte 20 möglich, in der Regel erreicht aber die wissenschaftliche Schaffenskraft mit Ende 30 oder Anfang 40 ihren Höhepunkt. In diesem Alter werden Professoren berufen und wissenschaftliche Karrieren mit wegbereitenden Veröffentlichungen gekrönt. Danach ist leider oft nur noch eine inkrementelle Weiterentwicklung der „großen Würfe“ beobachtbar, scheint also die intellektuelle Leistungsfähigkeit auf hohem Niveau bestenfalls zu stagnieren. Kritisch an dieser Stelle ist der manchmal schädliche Einfluss von Erfahrung, der zunehmend das „neudenken“ aufgrund intellektueller „Bequemlichkeit“ erschwert.

Beispiele für diesen Verlauf:

  • Arthur Schopenhauer: Er veröffentlichte mit 25 seine Promotion, mit 31 sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“, das er in den Jahren darauf weiterentwickelte. Im Alter von Ende 40 bis Anfang 50 veröffentlichte er mehrere weitere Schriften und den zweiten Teil seines Hauptwerks, danach wurde es recht still um ihn.
  • Albert Einstein: Er veröffentlichte mit 26 seine ersten wegbereitenden Schriften zur speziellen Relativitätstheorie, mit 37 die Schrift zur allgemeinen Relativitätstheorie und bekam bereits mit 43 den Physiknobelpreis verliehen. Danach wurde es eher ruhig um ihn.
  • Und natürlich gibt es viele Gegenbeispiele. Immanuel Kant, der bis ins hohe Alter produktiv blieb. Oder J.W. v. Goethe, der noch mit 61 seine Farbenlehre und mit 83 den zweiten Teil des Faust veröffentlichte. Allerdings sind viele spät veröffentlichte Arbeiten sicherlich über Jahrzehnte „gereift“. Und andererseits ist die vergleichende Bewertung von komplexen intellektuellen Arbeiten sehr schwierig. Ich denke deshalb nicht, dass diese Ausnahmen grundsätzlich meine These widerlegen.

Die Erfahrung ist dagegen zum einen kaum wirklich messbar und von ihrem Verlauf meines Erachtens einfach nachvollziehbar. Sie steigt in der besonders aktiven Lebenszeit zwischen 15 und 45 steil an, erreicht ihr Maximum im Verrentungsalter und dürfte dann leicht wieder absinken, da Erfahrungen ohne Anwendung bzw. durch technologische Weiterentwicklung „verblassen“ können.

Was meine ich, mit diesem Modell aussagen zu können:

Für Unternehmen:

  1. Auch wenn Mitarbeiter mit dem Alter zunehmend intellektuell „unbeweglicher“ werden, überkompensiert der Gewinn an Erfahrung diesen Effekt lange Zeit. Kritisch wird es, wenn Erfahrung über technologischen Fortschritt entwertet wird. Ein Beispiel ist die Einführung von neuen IT-Systemen, die den alten Erfahrungsschatz über die Prozesswelt des Unternehmens überflüssig macht, aber neue Problemlösungen erfordert.
  2. Gemischte Teams mit Menschen unterschiedlichen Lebensalters können bei respektvollem Umgang miteinander die gegenseitigen Defizite optimal ausgleichen. Ich selber habe gute Erfahrung damit gemacht, ältere Mitarbeiter mit jungen Mitarbeitern zum Tandem zu machen. Beide Seiten konnten voneinander lernen, der junge Mensch von den Erfahrungen und dem Wissen des älteren profitieren, der ältere vom Methodenwissen des jüngeren was z.B. neue IT-Systeme angeht.
  3. Letztendlich ist aber trotz der zu beobachtenden Verlängerung der Lebenszeit die unter 1) genannte Kompensation endlich. Hier wäre eine ehrliche Diskussion über Gehaltsanpassungen auch nach unten meines Erachtens notwendig, will man verhindern, dass ältere Mitarbeiter als „Kostentreiber“ und teuren „Ballast“ angesehen werden.
  4. Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit benötigt meines Erachtens neue Strategien im Umgang mit lebenslangem Lernen. Wird Erfahrungswissen entwertet und erlischt die Problemlösungskompetenz durch Abbau der intellektuellen Leistungsfähigkeit, dann stehen Unternehmen und Mitarbeiter vor großen Herausforderungen.

Für Hochschulen

  1. Sollte meine These richtig sein, ist eine lebenslange Verbeamtung von Professoren wissenschaftlich kontraproduktiv. Will man herausragende wissenschaftliche Ergebnisse erreichen, sollten die Verträge von Professoren auf 10 oder 15 Jahre befristet werden. Dies gäbe genug Zeit für eine fundierte, längerfristige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema, würde aber die Anpassungsfähigkeit der Hochschule an den wissenschaftlichen Fortschritt erhöhen.
  2. Nach dieser Frist wird jeder Lehrstuhl neu ausgeschrieben, wobei sich der bisherige Lehrstuhlinhaber wieder darauf bewerben kann. Das würde eine deutlich höhere Durchlässigkeit für den akademischen Mittelbau ergeben und Möglichkeiten für die Hochschulen schaffen, profilschärfend tätig zu werden.
  3. Dies setzt aber eine andere Art der Stellenbesetzung voraus. Welcher Professor würde einen langjährigen Kollegen von seinem angestammten Katheder „entfernen“, wenn er wenige Jahre später in die selbe Position der Neuevaluierung käme? Hier wäre also eine stärkere Einbindung von externen Beiräten, dem Mittelbau und den Studierenden in das Berufungsverfahren und in die Gesamtstrategieentwicklung der Hochschule notwendig.
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