Potjomkin und Maßnahmen

640px-Castle_and_brewery_in_Kolín_2Große, plötzliche und bedrohliche Ereignisse führen fast schon zwangsläufig zu einem merkwürdigen Effekt: Verantwortliche Personen erzeugen in verblüffender Geschwindigkeit Maßnahmenkataloge, deren Sinnhaftigkeit bestenfalls zweifelhaft ist.

Ein aktuelles Beispiel wird in einer Nachricht im Deutschlandradio geschildert. Der Flughafen Brüssel führt ab sofort Kontrollen außerhalb des Gebäudes ein. Diese Kontrollen umfassen die Registrierung von Ausweisen und Flugtickets und die Durchleuchtung des Gepäcks. Der Flughafen wird Zelte vor seiner Abflug- und Ankunftshalle aufstellen und dort diese personal- und zeitaufwändigen Kontrollen vornehmen. Dass sie personal- und zeitaufwändig sind, kann man an einer ersten Kapazitätsschätzung ersehen, die davon ausgeht, dass maximal ein Drittel der gewohnten Passagieranzahl abgefertigt werden kann.

Angeregt bzw. eher gefordert wurde diese Maßnahme offenbar von der Polizeigewerkschaft gegen die Stimme des Flughafenbetreibers, der keinen Sinn darin sieht. Dies ist für mich sicherlich die erste Merkwürdigkeit bei der Entstehung der Maßnahme.
Warum aber führt diese Nachricht zu einem Text für meinen Blog unter dem Stichwort Potjomkin?

Der Flughafen war bekanntermaßen Tatort eines schrecklichen Verbrechens: Muslimische Attentäter sprengten sich im Eincheckbereich des Flughafens in die Luft und töteten eine zweistellige Anzahl von Wartenden dort.

Jetzt müsste man also annehmen, dass es Ziel einer jeden Maßnahme ist, das Risiko eines solchen Anschlags für die Zukunft zu minimieren. Was aber beeinflusst das Risiko?

Wer sich mit der Methode der FMEA auskennt, wird drei bestimmende Faktoren sehen:

  • die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens eines solchen Attentatversuchs.
  • die Schwere der Auswirkung eines solchen Attentats, messbar z.B. in der Anzahl der Toten und der verletzten Personen.
  • die Wahrscheinlichkeit, dass das Attentat noch kurz vorher verhindert werden kann.

Eine geeignete Maßnahme muss mindestens einen dieser Faktoren positiv im Sinne einer Risikoreduzierung beeinflussen. Dabei muss aber gleichzeitig sichergestellt sein, dass diese Maßnahmen nicht andere Faktoren negativ verstärkt, was eine durchaus plausible Wirkung ungeeigneter Maßnahmen sein kann.

Nun schauen wir uns die gewählte Maßnahme an:

  • Wird die Wahrscheinlichkeit des Auftretens positiv beeinflusst? Wer als Ziel hat, Attentate in der Abflughalle zu verhindern, wird hier sicherlich nicken. Wem es egal erscheint, ob der Tatort eines Attentats in oder vor der Halle eines Flughafens liegt, wird zur Erkenntnis kommen, dass die Maßnahme wohl eher nicht die Auftrittswahrscheinlichkeit beeinflussen wird.
  • Wird die Schwere eines Attentats positiv beeinflusst? Wer kurz nach 9/11 mit dem Flugzeug gereist ist, weiß, was solche Zusatzmaßnahmen bedeuten: Schlangen. Lange Schlangen. Und viel Warten. Wer Flughäfen kennt, weiß, wie Abflughallen in der Regel aufgebaut sind: Wenige Eingänge, viele Schalter dahinter. Wer effektive Durchleuchtungsgeräte kennt, ahnt, dass sie teuer sind.
    Was aber lässt das erahnen: Es wird einen mehr oder weniger zentralen „Ankunftsbereich“ vor dem Flughafengebäude geben, durch den alle, wirklich alle Besucher des Flughafens durch müssen. Wenn es nun einen geeigneten Punkt für Attentate gibt – sehr viel geeigneter als verstreute Abflugbereiche, in denen sich die Passagierströme teilen -, dann ist es genau dieser „Ankunftsbereich“. Ein Attentat dort mit der gleichen Sprengkraft hätte aus meiner Sicht eine deutlich höhere Anzahl von Opfern zur Folge, was nicht für eine Verbesserung der Situation spricht.
  • Wird die Aufdeckwahrscheinlichkeit verbessert? Wie bei der ersten Frage gilt: Für ein Attentat in der Halle: ja, für ein Attentat generell: sicher nein, würde der Attentäter doch weiterhin vor der ersten Kontrolle zur Tat schreiten.

Was also sehen wir: Eine Maßnahme, die dazu führt, dass Menschenansammlungen mehr oder weniger sinnlos herbeigeführt werden, und die diese Menschenansammlungen in keinster Weise schützen kann. Und genau diese Erkenntnis war wohl auch die Begründung, warum die Betreibergesellschaft des Flughafens diese Maßnahme abgelehnt hat – aus meiner Sicht zurecht.

Wie kommt es aber immer wieder zu solch seltsamen Entscheidungen?

  1. Entscheider meinen, dass sie schnell „Flagge zeigen“ müssen. Nur ein schnell und entschlossen handelnder Manager scheint eine gute Führungskraft zu sein. Leider führt das dazu, dass plakative, einfach umsetzbare, aber nicht ganz zu Ende gedachte Maßnahmen gewählt werden.
  2. Experten werden als Bedenkenträger gesehen. Experten, wie hier der Betreiber des Flughafens, kommen im Rahmen ihres tieferen Systemverständnisses meist schnell zur Erkenntnis, dass die vom Führungsteam oder von wenig am Prozess beteiligten Interessengruppen vorgeschlagene Maßnahme eher nicht zu einer Verbesserung des Risikos führt. Ein Führungsteam unter Druck wird die Argumente nicht gelten lassen, sondern den Experten „Eigeninteresse“ (hier vielleicht: der Betreiber will seine Prozesse einfach nicht ändern) oder „übertriebene Bedenken“ (hier vielleicht: der Betreiber hat ja in Teilen recht, aber eine bessere Idee hat er auch nicht) unterstellen.
  3. Die wirkliche Zielstellung ist den handelnden Personen nicht klar. Bei der getroffenen Entscheidung geht es ja offenbar vor allem darum, ein Attentat wie das letzte zu verhindern – also eines in der Abflughalle. Dass die eigentliche Zielstellung eine generelle Verhinderung eines schweren Attentats sein müsste, geriet wohl etwas aus dem Blick.
  4. Die wirkliche Zielstellung ist zu komplex, als dass es schnelle Antworten geben könnte. Das gilt sicherlich für die Zielstellung in diesem Beispiel. Und deshalb kommt es zu 1)-3)
  5. Es gibt Interessengruppen, die nur bedingt Kenntnis des Prozesses haben, aber die die Entscheider und damit auch die Entscheidungsfindung stark beeinflussen können. Gerade Politiker sind hier massivem Druck ausgesetzt. Öffentlichkeit, Wähler, Medien, Polizeigewerkschaften, Unternehmer am Flughafen: Alle haben in der Regel nur geringes Systemverständnis, wollen aber so schnell wie möglich die „Normalität“ wiederhergestellt haben. Auch das führt zu 1)-4)

In Summe wird es wohl eine Melange aus all diesen Faktoren gewesen sein, die zu dieser aus meiner Sicht unsäglichen, da eher kontraproduktiven Entscheidung am Flughafen Brüssel geführt hat.

Aber natürlich kennen wir all das im kleinen auch aus unserem Arbeitsleben: Der Kunde droht, den großen Auftrag abzusagen. Das Unternehmen hat ein massives Qualitätsproblem. Das Liefernetzwerk erreicht nicht die dem Kunden zugesagte Stückzahl.

All das sind Situationen, in denen es ein selbstbewusstes Management braucht, um nicht Maßnahmen um ihrer selbst willen „aus der Hüfte“ zu schießen. All das sind Situationen, in denen es oft zu einem Bündel von sich zum Teil widersprechender Maßnahmen kommt, die für die eigentliche Lösung dringend notwendige Ressourcen verschwenden und die bestenfalls das Problem verlagern, wenn sie überhaupt das eigentliche Problem beeinflussen. All das sind Situationen, in denen Handlungsfähigkeit lieber simuliert wird, als sich mit sicher schmerzhafter Geduld dem wahren Kern des Problems anzunähern.

Und so dürfen wir sie immer wieder in schönster Pracht und hellstem Glanze sehen: Unsere Potjomkinschen Maßnahmendörfer.

Bildquelle: -jkb-Eigenes WerkCC BY-SA 3.0

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