Digitaler Taylorismus

park-748339_640Das Deutschlandradio hatte in den letzten Tagen ein mehrteiliges Feature zur „Arbeitswelt 4.0“. Der dritte Teil der Serie beschäftigte sich mit dem digitalen Prekariat, den sogenannten Klickarbeitern auf Plattformen wie dem „mechanical turk“ von amazon.com oder clickworker.com, den ’selbstständigen‘ Fahrern auf uber.com
und den Vermietern auf Plattformen wie airbnb.com.

Zu welchem Fazit kommt der Beitrag: Die digitale Revolution ermöglicht nach der Taylorisierung in den Fabriken im Zuge der Industrialisierung die gleichen Strategien in der Mitarbeiterführung bei digitalen Tätigkeiten. Sie zerteilt Arbeitsfolgen in sehr einfache Einzelschritte, schafft eine Umgebung, die von sich aus Fehler vermeidend ist und reduziert damit die Kompetenzanforderungen an Mitarbeiter in diesem System soweit, dass der Einsatz von ungelernten und damit sehr preiswerten „Arbeitern“ im „hire and fire“-Verfahren möglich wird.

Gleichzeitig schaffen diese Umgebungen nahezu grenzenlose Überwachungsmöglichkeiten, so dass eine schnelle Erfolgskontrolle möglich wird. So kann über engmaschige Feedbackloops von Plattformseite sichergestellt werden, dass schlecht performende Mitarbeiter über kurz oder lang nur noch höchst unattraktive und schlecht bezahlte Aufgaben angeboten bekommen. Dies führt beim so behandelten Arbeiter entweder zu hohem Engagement, diesen Zustand zu verbessern oder zum Austritt aus dem System, was beides ein prinzipiell positives Ergebnis für den Plattformanbieter ist, hat er doch in den Arbeiter nichts investiert und findet er weltweit jederzeit ausreichend Ersatz.

Kritisch werden vor allem die Geschäftsmodelle der Plattformanbieter gesehen. Während sie ohne großen Aufwand ca. 30% des Umsatzes einstreichen, bleiben den „selbstständigen“ Arbeitern oft nur niedrigste Stundenlöhne übrig.

Betrachtet man aber die im Beitrag genannten Plattformen und ihre Geschäftsmodelle, wird man rasch feststellen, dass hier sehr unterschiedliche Systeme in einen Topf geschmissen werden. Zwar sind alle Plattformen unter dem Stichwort „sharing economy“ zu verorten. Die Funktionsweise und damit ihr Einfluss auf die lokale Gesellschaft sind jedoch deutlich unterschiedlich.

Beginnen wir mit dem „mechanical turk“ von Amazon.com. Hier werden oft einfachste Tätigkeiten im Massengeschäft angeboten. Bildagenturen lassen zum Beispiel Bilder taggen oder Onlineshops ihre digitalen „Regale“ befüllen. Diese Arbeiten sind so primitiv, dass sie keinerlei Knowhow erfordern. Aus diesem Grund können sie weltweit ausgeschrieben und vergeben werden. Nun ist es logisch, dass ein mitteleuropäischer digitaler Arbeiter hier kaum auf für ihn sinnvolle Stundensätze kommen wird, wird es doch viele Konkurrenten auf der Welt mit deutlich niedrigeren Lebenserhaltungskosten geben, die bereit sind, zu einer deutlich niedrigeren Entlohnung die Arbeit zu erledigen.

Hier aber von „Ausbeutung“ zu sprechen, nur weil das Angebot prinzipiell auch in Deutschland besteht, ist albern. Denn es kann durchaus sein, dass die aus unserer Sicht indiskutablen beispielsweise zwei Euro Stundenlohn in einem asiatischen Entwicklungsland ein durchaus ansehnliches Einkommen für jemanden ohne Ausbildung sind. Und nebenbei würden diese Tätigkeiten vermutlich überhaupt nicht angeboten, müssten Löhne auf europäischen Niveau gezahlt werden. In einem solchen Falle wäre der Prozess sicherlich schon weitgehend automatisiert worden.

Ist dagegen lokales Knowhow auf solchen Plattformen oder gar eine Anwesenheit vor Ort – beispielsweise bei Preisanalysen im Einzelhandel – notwendig, dann wird die Plattform weiterhin natürlich aufgrund des transparenten Wettbewerbs sehr günstige Stundenlöhne ermöglichen. Diese werden aber deutlich höher sein, als bei den weltweit ausschreibbaren Arbeiten, da sich ansonsten niemand finden wird, der für die Abarbeitung bereit ist.

Und damit sind wir bereits bei dem so oft kritisierten Unternehmen Uber. Uber muss mittelfristig aufgrund der lokalen Dienstleistung lokal auch wettbewerbsfähige Preise mit dem Kunden vereinbaren. Dass Uber Taxiunternehmen deutlich unterbietet, liegt – neben sicherlich nur kurzfristig wirksamen Dumpings – vor allem an einer Reduzierung der Kompetenzanforderungen an die Fahrer. Bei Uber stehen Strecke und Preis vor Fahrtantritt fest, die App vermittelt hoch effizient Angebot und Nachfrage, die Bezahlung läuft digital, lokale Ortskenntnisse sind aufgrund Navigation nicht erforderlich. Letztendlich ist nur ein gepflegtes Auto und ein Fahrer mit Führerschein notwendig, aber eben kaum Ausbildung und wenige Sprachkenntnisse. Aus diesem Grund ist Uber natürlich optimal für Studenten, Migranten und ähnlich flexibel am Arbeitsmarkt agierende Menschen.

Weiterhin spart sich Uber natürlich die Investitionen in den Fuhrpark. Dies allerdings ist meines Erachtens nur ein recht kurzfristig wirksamer Vorteil. Wenn Uber die Abnutzungskosten der Autos nicht in die Bezahlung der Fahrer einpreist, dann wird Uber über kurz oder lang Schwierigkeiten haben, neue Fahrer zu gewinnen und die alten zu behalten. Zuletzt spürt Uber in Indien durch Vergewaltigungsfälle und in Amerika durch den Uber-Attentäter eine drohende Verschlechterung des Rufes des Gesamtsystems. Aus diesem Grund prognostiziere ich zunehmende Ausbildungsinitiativen und Führungs- und Kontrollstrukturen von Uberseite. All das wird zu einer Reduzierung des Kostenvorteils gegenüber Taxiunternehmen führen und Uber immer mehr zu einem normalen „Beförderungsunternehmen“ machen.

Zuletzt tauchte die in diesem Zusammenhang völlig unpassend die Plattform Airbnb auf. Airbnb hat natürlich durch Fehlallokation von Miet- und Eigentumswohnungen gerade in attraktiven Touristenregionen negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. Aber ich kann nicht erkennen, wo hier eine Taylorisierung und die Ausbildung eines Prekariats durch Nutzung dieser Plattform entstehen soll.

Alles in allem hat der Beitrag sicherlich Recht mit der Erkenntnis, dass wir momentan im digitalen die Strategien der Industrialisierung nachvollziehen. Aber ebensowenig, wie die Industrialisierung zur Verarmung der Mehrheit der Gesellschaft geführt hat, wird die digitale Revolution dieses Ergebnis haben. Optimistisch vermute ich eher, dass ähnlich wie die weltweiten Lieferketten in der Industrie die Welt über die zunehmend enge Zusammenarbeit „kleiner“ gemacht haben auch die weltweiten digitalen Lieferketten dringend notwendige Entwicklungsschritte gerade auch in ärmeren Regionen der Welt ermöglichen werden. Und ebenso glaube ich fest daran, dass das für die meisten von uns eine win-win-Situation werden wird. Vielleicht nicht für jeden sofort – solche Revolutionen führen immer zu Umbrüchen, die auch mit Arbeitsplatzverlusten einher gehen – aber die Chancen aus der Entwicklung sind sicher auch für uns um ein vielfaches größer als die Risiken.

Bildquelle: Adolph von MenzelGemeinfrei

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