Rationalität und Entscheidungen

640px-Francisco_Goya_-_Casa_de_locosViele von uns werden auf Nachfrage nach Entscheidungen von sich behaupten, dass sie ihre Wahl nach hauptsächlich rationalen Gesichtspunkten getroffen haben. Ebenso erleben wir häufig, dass wir andere Menschen bei ihren Entscheidungen beobachten und kopfschüttelnd feststellen, dass das ja wohl eine völlig „irrationale“ Entscheidung des anderen war.

Wie kann es sein, dass wir uns selber für rationale Entscheider halten aber anderen gerne die Rationalität absprechen?
Auf diese Fragestellung bin ich in einer Diskussion gestoßen, die ich letzthin führte. In der Diskussion wurde behauptet, dass Menschen, die Bio-Produkte kaufen, weil sie frei von Pestiziden seien, irrational handeln.

Betrachten wir die Fakten:

  • Die Herstellung von Bioprodukten ist keineswegs komplett frei von Pflanzenschutzmitteln. In den Richtlinien der klassischen Biozertifizierungen ist zwar vorgeschrieben, dass bei der Herstellung von Bioprodukten keine chemisch-synthetischen Pestizide eingesetzt werden dürfen. Aber zulässig bleiben weiterhin einige natürliche Pflanzenschutzmittel, deren Wirkung natürlich ebenso der Schutz der Pflanzen und damit die Vernichtung von Schädlingen ist. Insoweit scheint der Diskutant mit seinem Vorwurf der „Irrationalität“ also Recht gehabt zu haben.
  • Schaut man sich aber Vergleichsuntersuchungen zwischen Bio- und Normalprodukten an, so findet man häufig die Aussage, dass die Pestizidrückstände bei Bioprodukten deutlich niedriger sind als bei Normalprodukten. Dies wiederum gibt den Biokäufern recht, denn offenbar gibt es tatsächlich einen messbaren Unterschied der Pestizidbelastung zwischen Bio- und Normalprodukten.
  • Allerdings ist die Belastung der Normalprodukte mit Pestiziden in der Regel deutlich unter den zulässigen Grenzwerten. Dies ist wieder ein Hinweis auf die Irrationalität der Entscheidung, da auch die Normalprodukte offenbar jederzeit sicher sind.
  • Die Grenzwerte wurden aber auf Basis von Mortalitätsmodellen im Tierversuch erarbeitet und errechnen sich über Schädigungswahrscheinlichkeiten. Pestizide sind auf jeden Fall für einzelne Organismen „giftig“, sonst wären sie wirkungslos. Wer also auf Nummer sicher gehen will, sollte möglichst wenig davon zu sich nehmen: Das wiederum spricht für die Rationalität der Entscheidung der Biokäufer.

Das Thema könnten wir sicherlich noch über weitere Argumentationsebenen weiterdiskutieren.

Woran aber liegt es, dass wir zwischen „rational“ und „irrational“ als Wertung für die Entscheidung hin und her gesprungen sind?
Wir haben in der Diskussion ein Modell für unsere Kaufentscheidung aufgebaut. Mit jedem Absatz haben wir eine neue Bewertungsgröße hinzugefügt oder eine vorhandene mit einer anderen Gewichtung versehen. Wir haben also nicht die Art der Entscheidungsfindung verändert, sondern nur das Modell, das wir zur Entscheidungsfindung nutzen. Und je nach persönlicher Priorität und Präferenz – die sich in der Aufnahme einer neuen Größe oder in unterschiedlichen Gewichtungen vorhandener ausdrückt – kommen wir auf Basis unseres aktuellen Modells zu unterschiedlichen Bewertungsergebnissen.

Wenn sich also mehrere Menschen treffen, können wir in der Regel davon ausgehen, dass alle irgendein Modell für ihre Entscheidungen in sich tragen. Dieses Modell kann durch Kultur, durch Erfahrung, durch Wissen, durch die Familie aber auch durch die aktuelle Situation bestimmt sein – meist wird es eine Melange aus allem und noch von viel mehr sein. Wenn wir das Modell des anderen „verstehen“ – weil wir ihn kennen, weil er uns seine Entscheidungsgründe dargelegt hat oder er uns in seiner Persönlichkeitsstruktur nahe ist -, dann werden wir auch seine Entscheidung verstehen und sie für rational halten. Wenn das Modell des anderen uns unverständlich ist, dann werden wir schnell zum Urteil kommen, er würde komplett irrational handeln.

Aus diesem Grund halte ich es für wichtig, vor einem „Irrationalitätsurteil“ die Beweggründe hinter der scheinbar unverständlichen Entscheidung zu hinterfragen. Schwierig dabei ist, dass viele unserer „Modelle“ uns selber nicht bewusst sind und sich vielleicht sogar der reinen Rationalität entziehen. Aber ist erst einmal das „Irrationalitätsurteil“ gefällt, wird eine fruchtbare Diskussion kaum mehr möglich sein: Denn wer unterhält sich schon gerne freiwillig mit einem „Spinner“?

Bildquelle: Francisco GoyaPublic Domain

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