Wachstumsraten

Ein heiliger Begriff in der Wirtschaftslehre ist die Wachstumsrate. Sie muss positiv sein. Sie muss hoch sein. Alles andere sorgt für Unruhe und Besorgnis, die Welt scheint unterzugehen, wenn die Wirtschaft oder ein Unternehmen auch nur in die Nähe einer Stagnation kommt.

Wie absurd die Diskussion immer wieder erscheint, zeigt ein heutiger Artikel zur drohenden Wirtschaftskrise aus China auf sueddeutsche.de. Aufhänger sind sinkende Wachstumsraten dort, die Zeiten sind offenbar auch in China vorbei, in denen die Statistik zweistellige Raten nachwies.

Betrachten wir uns also die zum Text veröffentlichte Statistik:

WachstumChina01Zum einen stellt sich einem aus deutscher Sicht die Frage, was an über 6% Wachstumsrate für die nächsten Jahre so schlimm sein soll, sind wir doch mittlerweile „froh“, wenn wir in Europa die 1% überschreiten. Zum anderen zeigt das ja nur das relative Wachstum des BIP in China. Betrachtet man das absolute Wachstum (normiert auf 2004=100) ergibt sich folgendes Bild:

WachstumChina02Was sehen wir: Einen wunderbar linearen Trend für die Wirtschaft Chinas. Wenn wir uns zur Verdeutlichung noch die absoluten Unterschiede von Jahr zu Jahr aufzeichnen, wird der ganze Irrsinn des Wachstumsraten-Fetischismusses noch klarer:

WachstumChina03Welch Erstaunen: Der Kuchen, den China Jahr für Jahr zusätzlich zu verteilen hat, ist absolut betrachtet nahezu konstant. Die Weltbank prognostiziert für 2016 sogar den höchsten absoluten Wachstumswert für China vermutlich seit Anbeginn der Messung dieser Werte. Und das – oh Schreck – bei sinkenden relativen Wachstumsraten in einem vom Bevölkerungswachstum her stagnierenden Umfeld. Quelle horreur.

Eigentlich müssten in der Deutschen Wirtschaft die Korken knallen. 2016 soll der Kuchen gegenüber dem phantastischen Jahr 2015 noch einmal um fast 4% ansteigen. Aber wer außer mir macht sich schon die Mühe, relative Wachstumszahlen in absolute umzurechnen?

Und vor allem: Welche der vielen Wachstumsprediger, die seit Jahren für ihr Unternehmen, ihr Land, ihr Vermögen ein Wachstumsziel von 8% pro Jahr herausgeben, begreifen, dass sie ein System beschreiben, das in der Natur dem Untergang geweiht ist? Das wie ein Krebsgeschwür oder eine Tierart ohne natürliche Fressfeinde „wuchert“, bis es seine Umgebung komplett ausgebeutet zurücklässt, jedes Jahr schneller und agressiver? Wohl niemand. Und das lässt einen leider das schlimmste für die Zukunft dieser Welt befürchten.

 

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