Moral in Unternehmen

10_Gebote_(Lucas_Cranach_d_A)

Vermutlich angestoßen durch den VW-Abgasskandal schrieben zwei Professoren in der Zeit vom 23.12.15 über Wege, moralisches Handeln in Unternehmen zu verankern. Ihre Grundthese ist, dass manche Unternehmen vor allem deshalb ein Problem mit moralischem Handeln haben, weil sie sich nicht als Teil der Gesellschaft fühlen, sondern die Gesellschaft als ihren Gegner ansehen. Offenbar ist es für die Autoren „normal“, dass moralisches Verhalten nur begrenzt ist auf die eigene Gruppe, dass man also bestenfalls moralisch indifferent gegenüber Gruppenfremden ist. Und gruppenfremd wäre dann aus Sicht der Unternehmen die Gesellschaft.

Aus diesem Grund schlagen die Autoren nun vor,

  • die selbstgewählte Rolle der betroffenen Unternehmen in der Gesellschaft von den Unternehmen überdenken zu lassen,
  • soziale und ökologische Messgrößen in die Berechnung des Unternehmeserfolgs einfließen zu lassen,
  • sich vertrauensvoll auf den sich entwickelnden moralischen Kompass zu verlassen
  • und zuletzt überhaupt erst einmal einen Begriff von Wirtschaftsmoral zu entwickeln – ein sehr entlarvender Vorschlag von Professoren u.a. der Wirtschaftsethik.

Zugegebenermaßen bin ich überrascht.
Zum einen von der Grundthese, dass moralisches Handeln gruppenabhängig sei. Gut, in Realität erleben wir dies scheinbar täglich. Bestes, aktuelles Beispiel sind die „das Boot ist voll“-Diskussionen in der Flüchtlingskrise. Aber moralisch würde ich dieses Verhalten eben gerade nicht nennen, eher das Gegenteil davon. Da es allerdings wohl weitverbreitet ist, ist es wahrscheinlich tatsächlich ein guter Startpunkt zur Entwicklung in Richtung einer besseren Moral.

Zum anderen erscheinen mir die Vorschläge sehr kurz gesprungen. Die Werkzeuge dafür sind doch prinzipiell alle bekannt. Mit Werten hantiert jedes professionell geführte Unternehmen, ‚Balanced Scorecards‘ sollen in vielen Unternehmen mittlerweile auch gesellschaftliche und ökologische Zielstellungen im Zielsystem verankern. Freiheit und Vertrauen zu schenken ist immer gut, ich wüsste aber nicht, durch wen bzw. welche Regeln das VW-Management angewiesen wurde, zu lügen und zu betrügen. Und der vierte Vorschlag kann von einem Wirtschaftsethiker nicht wirklich ernst gemeint sein. Oder etwa doch?

Ich glaube, gegen eine einfache Verankerung von moralischem Verhalten spricht etwas ganz anderes: Der normale mittlere oder höhere Manager, der die Entscheidungen fällt, die moralisch oder unmoralisch erscheinen.

Denn wen finden wir in diesen Positionen?
Wahrscheinlich einen Mann Anfang bis Ende vierzig, verheiratet, mit zwei Kindern, fachlich gut ausgebildeter Akademiker – Fachrichtung: Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur, weltgewandt, ehrgeizig, läuft Marathon oder nimmt an Triathlons teil. Die Ehefrau hält ihm den Rücken frei und arbeitet bestenfalls Teilzeit, die Eltern leben die klassische Rollenverteilung, der Vater war ebenfalls höherer Manager.

Warum aber sehe eine solche Person als Risiko für eine Verankerung von moralischen Werten in einem Unternehmen? Ich will es erklären.

  1. Dieser Mann liest statistisch betrachtet wenige bis gar keine Bücher. Weder hat er die Zeit dafür, noch interessiert ihn Belletristik besonders. Wenn er Bücher liest, dann sind es Biographien von Topmanagern, Karriereratgeber oder Sachbücher.
  2. Er liest kaum Zeitung. Politisch ist er nicht interessiert, wenn er Zeitschriften liest, dann ist es die Wirtschaftswoche, eine Automobilzeitschrift oder ein Heft für ambitionierte Moutainbiker. Er surft vielleicht über die eine oder andere Medienseite im Internet wie Faz.net, um informiert zu bleiben. Dort aber vor allem auf Artikel mit wirtschaftlicher Relevanz und auf den Sportteil.
  3. Auch hat er wenig Zeit zum Nachdenken. In der Arbeit hüpft er von einem Meeting zum nächsten, zu Hause muss und will er sich in die Vaterrolle einbringen. Die wenige Zeit, die verbleibt, nutzt er zum Sporttraining – gerne in einer Laufgruppe, damit sich ein Trainingseffekt einstellt. Die wenigen Freunde, die ihm geblieben sind, sind so ähnlich gestrickt wie er. Er sieht sie bestenfalls alle paar Wochen kurz.
  4. Er hat Studienfächer studiert, die fachlich intensiv sind, aber einseitig auf den späteren beruflichen „Nutzen“ hin ausgerichtet sind. Zwar hat er vielleicht mitbekommen, dass der eine oder andere Kommilitone so seltsame Fächer wie Philosophie belegt hat – auf der Nachbaruni und ohne sie anerkannt zu bekommen. Das verstand er aber nicht, denn er wollte möglichst schnell und gut seinen Abschluss haben. Wenn er während des Studiums Zeit hatte, hat er praktiziert, ist gereist oder hat Geld verdient.
  5. Sein Elternhaus war sehr pflicht-/schuldorientiert. Sein Vater gehörte zur Generation, die nach dem Krieg Deutschland erfolgreich wiederaufgebaut hat. Der persönliche wirtschaftliche Erfolg seiner Eltern kann sich sehen lassen, Moral war nie ein Diskussionsthema zu Hause.
  6. In der Schule hat er Fächer wie Religion, Ethik oder Sozialkunde so früh wie möglich abgelegt. Die Diskussionen nervten, die Leute, die sie führten, nervten. Nie gab es ein klares, eindeutiges Ergebnis. Anders als im Mathematik-LK oder im Wirtschafts-LK, die er liebte.
  7. Im Unternehmen interessiert ihn vor allem sein persönliches Weiterkommen. Er nimmt fachliche Aufgaben an und arbeitet sie mit möglichst wenig Aufwand ab. Definierte Regeln und Verfahrensanweisungen sind eine Hilfestellung für ihn. Das Hauptziel ist, in die höhere Führungsmannschaft zu passen und sicherzustellen, nicht negativ aufzufallen. Jede vordefinierte Kennzahl hilft ihm dabei, zeigt sie ihm doch die Prioritäten seiner Chefs. Er wird deshalb alles daransetzen, die wichtigen Kennzahlen ins Ziel zu bekommen.

Überspitzt formuliert: Dieser Mann kam sein ganzes Leben ohne eigene Moralvorstellung aus. Er ist eingebettet in ein System von Regeln und Messgrößen, die vielleicht einmal auf Basis einer Moral geschaffen wurden, aber deren schlichte Einhaltung oder Erreichung ohne tieferes Verständnis der Hintergründe ausreicht, um gesellschaftlich nicht auffällig zu werden. Er besitzt keinen eigenständigen moralischen Kompass und hat keine Hilfsmittel im Leben mitbekommen, wie ein solcher entwickelt werden könnte – wobei er auch kein tieferes Interesse daran hätte.
Und genau deshalb hat er jedes Potential, im richtigen Umfeld Entscheidungen zu fällen, die moralisch zweifelhaft sein können.

Und wer meint, dass mehr Frauen in der Unternehmensführung hier weiterhelfen könnten: Auch Managerinnen haben ein Zeitproblem, sie studierten ebenfalls meist wirtschaftliche oder technische Fächer. Auch und besonders Managerinnen wollen gefallen und passen sich leicht der Führungskultur an. Sie lesen vielleicht mehr, aber gefühlige Mainstreamliteratur und eine stärkere Aufgeschlossenheit gegenüber Esoterik werden nicht den großen Wirkungsunterschied ausmachen.

Das ganze ist natürlich sehr zugespitzt. Natürlich sind mir in meiner Karriere auch einige Manager über den Weg gelaufen, mit denen tiefgründige Gespräche über Gott und die Welt möglich waren und die sich nicht nur wegen der Unbequemlichkeit der Umsetzung von Entscheidungen schwer taten, harte unternehmerische Entscheidungen zu fällen und durchzusetzen.

Trotzdem wage ich zu behaupten, dass ein Großteil der heutigen Manager der Moral sicher keine Priorität beimisst, solange sie nicht dem persönlichen Erfolg dient. Deshalb ist es zwar richtig, „moralische“ Kennzahlen in Unternehmen zu implementieren. Das würde zumindest ermöglichen, Manager nach moralischen Zielrichtungen zu steuern. Ich befürchte aber, wenn wir die jungen Nachwuchsmanager nicht z.B. durch ein ’studium generale‘ in Zukunft „zwingen“, sich mit moralischen Fragestellungen auseinanderzusetzen und eigenen Positionen zu entwicklen, wird eine moralische Kennzahl nur eine Kennzahl unter vielen bleiben.

Denn was lernt ein Manager schnell: Manche Kennzahlen erfüllt man, weil man muss. Manche, weil man will und manche durch Zufall. Der Rest ist unwichtig, denn alle Zielwerte kann man nie erreichen. Aber welche dann als erstes für unwichtig erklärt wird, kann man sich leider denken.

Bildquelle: Lucas Cranach d.Ä.- 10 Gebote – Public Domain

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