Auch heiße Luft kann kriminell sein

Mit Verwunderung nimmt man den neuesten Skandal der deutschen Wirtschaft wahr. Da baut ein für seine Entwicklungskompetenz bekannter Automobilkonzern extra eine Softwaresteuerung in seine Dieselfahrzeuge ein, die detektiert, ob gerade ein Testlauf auf einem Rollenprüfstand stattfindet. Und die dann die Motorsteuerung so verändert, dass die auf diesem Prüfstand abgenommenen Abgaswerte innerhalb der gesetzlich vorgegebenen Grenzen liegen. Wenn kein Testlauf erkannt wird, sind die Abgaswerte der Motorsteuerung mehr oder weniger egal, es drohen also beim normalen Fahren hohe Überschreitungen der gesetzlichen Vorgabewerte.

Wer momentan die Zeitung liest, könnte verwirrt werden durch die Themenvielfalt, die in diesem Zusammenhang hochkommt. Da werden Abweichungen bei den Verbrauchswerten mit Abweichungen bei der Schadstoffmessung thematisch vermengt. Und es werden legale „Optimierungen“ der Hersteller mit illegalen auf einen Haufen geworfen.
Beispiel im Zeit-Interview von heute mit einem Umweltexperten.
Da wird die normale Kennlinienoptimierung der Hersteller bezüglich der Testverfahren als ähnlich verwerflich beschrieben wie die besondere Maßnahme von VW.
Aber: Natürlich werden die Motorprogramme auf die Testverfahren hin optimiert. Und natürlich gilt der dann gemessene Wert nur und ausschließlich für den gemessenen Testzyklus und stellt auch nur auf dieser Basis eine Vergleichbarkeit mit anderen Fahrzeugen und Herstellern da. Das ist die Konsequenz jeder standardisierten Prüfung, dass auf sie hinoptimiert wird und es an den Testzyklendefinierern ist, den Realitätsbezug sicherzustellen. Im Interview tut der Experte ja gerade so, als hätte er noch nie selber eine Prüfung abgelegt.
Der Unterschied zur VW-Maßnahme ist, dass VW „sicherstellt“, dass der gemessene Wert niemals in Realität erreicht werden kann, selbst wenn man sich als Fahrer exakt so verhält, wie es im Prüfprogramm hinterlegt ist. Das ist ein ganz anderes Kaliber von „Optimierung“, als es die anderen Hersteller mit ihren Kennlinienanpassungen nutzen.

Deshalb ist die Maßnahme soweit daneben von allem, was normalerweise als Compliance in Unternehmen vorgegeben wird, dass es sich natürlich lohnt, die Motivation der entscheidenden Manager zu hinterfragen. Dazu ein paar Thesen meinerseits.

  1. Die höchste Vorstandsebene – also Piech und Winterkorn – wusste es und duldete es zumindest.
    Für diese These spricht, dass VW ein hochzentralistischer, entwicklungsfixierter Konzern ist. Piech und Winterkorn wurden immer als Manager beschrieben, die sich bei Neufahrzeugen persönlich auch um die kleinste Schraube kümmern würden. Dagegen spricht allerdings, dass die zusätzliche Steuerung nur eine regionale Anpassung eines fertigentwickelten Produktes an die Verhältnisse in den USA darstellt. Wohl sicher nichts, was bei VW Entscheidungen auf Zentralvorstandsebene erforderlich macht. Deshalb würde ich vermuten, dass der Zentralvorstand hier tatsächlich überrascht wurde
  2. Wenn Punkt 1 nicht zutrifft, sind wir also beim regionalen Management in den USA als Verantwortlichen. Warum sollte dieses so handeln? Im Deutschlandfunk wird die These aufgestellt, dass die Anreizsysteme in unseren Konzernen zu „verführerisch“ wirken. Überspitzt formuliert: Weil der US-Manager über Umsatzsteigerungen bei gleichzeitig niedrigen Kosten sein eigenes Gehalt optimieren wollte und die Risiken aus der Maßnahme heraus für gering oder beherrschbar hielt, musste er sich quasi für diese illegale Maßnahme entscheiden. Das erscheint mir doch als Begründung sehr monokausal. Es hieße ja, wir bräuchten nur die Anreizsysteme loszuwerden und schon wäre sichergestellt, dass Entscheidungen immer im Rahmen der Legalität erfolgen. Klingt für mich entschieden zu einfach.
  3. Eine weitere Möglichkeit für den Hintergrund der Entscheidung könnte in einer extremen „Angstkultur“ liegen. Auch große Probleme werden nicht offenbar, da der Überbringer des Problems einen Kopf kürzer gemacht wird. Probleme interessieren nicht, nur Lösungen sind wichtig. Und Budgetgrenzen sind heilig, wer sie überschreitet, wird ebenfalls geköpft. In einem solchen Klima werden vom mittleren Management Risiken eingegangen, alleine um Probleme unter der Oberfläche zu halten. Das heißt, die gewählte Lösung hatte kurzfristig nur den einen Vorteil für den entscheidenden Manager, dass er „überlebt“, weil keiner in Wolfsburg das eigentliche Problem mitbekommt, dass vermutlich Millionen von Dollar und Monate an Entwicklungsarbeit notwendig gewesen wären, um die Fahrzeuge marktfähig zu bekommen. Ahnend, dass die Kultur bei VW nicht die netteste ist, erscheint mir das plausibler als Punkt 2.
  4. Zuletzt könnte das Management generell indifferent gegenüber legalen oder auch moralischen Grenzen sein. Zum einen könnte hier ein Manager der „dunklen Triade“ am Werk gewesen sein, der überhaupt nicht versteht, dass die gewählte Maßnahme inadäquat sein könnte, obwohl sie ihm selber nutzt. Ich gehe aber eher davon aus, dass hier moralische „Abschleifmechanismen“ am Werk waren: Es wurden schon immer Kennlinien optimiert, wo ist schon der Unterschied zu komplett neuen „Kennlinien“ im Falle eines Testlaufs? Wer dauernd im Graubereich des Legalen agiert, braucht einen starken moralischen Kompass, um nicht irgendwann „aus Versehen“ auf die dunkle Seite zu rutschen. Und wenn ich eines weiß: In der Ingenieursausbildung ist Moral sicher nicht der Schwerpunkt.

Mein Fazit:
Ich glaube tatsächlich nicht, dass der Vorstand von VW bewusst diese Maßnahme beschlossen hat. Ich vermute, dass hier innerhalb einer expliziten Angstkultur Mittelmanager diese Entscheidung gefällt haben, die sich – da sie sich gegenüber den Tests die ganze Zeit im Graubereich des legalen bewegen – der Tragweite nur sehr bedingt bewusst waren.
VW wird über personelle Konsequenzen in den USA versuchen, das Thema beherrschbar zu halten. Ob sich allerdings der Vorstand dadurch schützen kann, erscheint mir bei der Größenordnung des Problems sehr fraglich. Denn letztendlich ist es meiner Einschätzung nach auch und vor allem die Unternehmenskultur, die zu solchen unternehmerischen Fehlleistungen führt. Und die gibt ja doch vor allem der Vorstand vor.

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