Warum Veränderungen scheitern

Unsere mediale Öffentlichkeit wird seit Wochen von einem Thema eingenommen: Griechenland.

Während die eine Meinungsseite sich fragt: „Warum zum Teufel ändern sich nicht die Griechen, dann ginge es ihnen und uns doch irgendwann wieder gut?“ wundern sich die anderen: „Warum ändern sich nicht die europäischen Institutionen, dann würde es allen doch viel besser gehen?“.

Fakt ist: Im Moment bewegt sich keine der beteiligten Parteien, die einzige Veränderung der Situation ist, dass diese Tatsache nicht mehr mit weiterem Geld überdeckt werden kann oder soll.

Warum ist diese Situation aber ein Paradebeispiel für schlecht gemachtes Veränderungsmanagement?

Zunächst einmal muss man sich vor Augen halten, dass sich kaum je ein Mensch freiwillig aus einer einmal eingenommenen und bequemen Situation herausbewegt. Will man also, dass ein Mensch sein Verhalten ändert, muss sich seine Umwelt soweit ändern, dass er das Bewusstsein der Notwendigkeit für eine Veränderung aufbaut. Und wer die Menschen kennt, weiß, dass dies häufig erstaunlich harte Maßnahmen voraussetzt.

Warum ist das so?
Veränderung setzt Einsicht in die Notwendigkeit dafür voraus.
Die erste Phase bis zur Einsicht ist von Trauer über den Verlust des gewohnten Vorhers gekennzeichnet. Mit den Trauerphasen „Nicht Wahrhabenwollen“, „Wut“, „Rückbesinnung“. Und erst danach ist „neues Handeln“ möglich.

Betrachtet man nun die handelnden Parteien in Europa und analysiert ihr Verhalten, dann erscheint mir bei keiner Seite dieser Trauerzyklus auch nur annähernd durchschritten. Die europäischen Institutionen sehen überhaupt keinen Änderungsbedarf, haben also noch überhaupt nicht mit dem Loslassen angefangen. Und die Griechen erscheinen mir mit der letzten Wahl bestenfalls in der Trauerphase 2 angekommen zu sein. Die Politik der Regierung erscheint mir sogar eher noch der Phase 1 zugeordnet.
Also alles in allem schon mal keine gute Voraussetzung dafür, dass irgendwer anfängt, sich über einen faulen und bequemen Kompromiss zur Erhaltung des status quos hinauszubewegen.

Betrachten wir nun die Maßnahmen der letzten Jahre. Was sehen wir?
IWF und Europa installierten unter vorgehaltener wirtschaftlicher Pistole eine Herrschaft der Bürokraten über die Troika. Diese entwickelten Maßnahmen, von denen erwartet wurde, dass sie die griechische Regierung exekutiert.

Was für einem Klassiker des scheiternden change managements entspricht das?
Natürlich den großen Beraterprojekten, die von irgendeiner fernen Zentrale einer Dependance aufoktroyiert werden. Und – oh Wunder – meist durch Erzeugung von hunderten schicker Folien und keiner spürbaren Wirkung gekennzeichnet sind. Warum ist das so? Weil Veränderung nur von innen heraus kommen kann. Weil Veränderung vorbildliche Führung im wahrsten Sinne des Wortes benötigt. Weil Veränderung durch interne, erfahrene und mit hoher Reputation versehene Multiplikatoren getrieben werden muss.

Jeder Berater von außen gibt die perfekte, argumentative Steilvorlage an die internen Verhinderer, dass er falsche, nicht passende oder nicht ausreichend angepasste oder gänzlich unrealistische Ziele verfolgt. Weil er die Randbedingungen nicht versteht, die lokale Kultur ignoriert, es sich zu leicht macht.

Und was erleben wir in der Diskussion in Griechenland: Genau diese Argumente gegenüber der Troikabürokraten. Hier hat Europa und der IWF wirklich vorhersagbar eine Saat gelegt, die nun aufgeht. Wieviel besser wäre es gewesen, die Maßnahmen alleine von den Griechen definieren zu lassen. Hart geführt über eine Zielstellung durch die Geldgeber, aber in der reinen Verantwortung – gerne auch über Referenden – der Griechen.

Zuletzt möchte ich noch kurz auf das vorhersagbare Scheitern der griechischen Strategie eingehen, die europäische Verfahrensweisen zu ändern.
Wenn man sich in Verhandlungen mit einem Partner befindet, der eine klar geäußerte Erwartungshaltung hinsichtlich einer Verhaltensänderung mitbringt, erscheint es mir wenig erfolgreich, den Spieß umzudrehen und plötzlich den Partner einseitig zur Veränderung aufzufordern. Es erscheint mir eher eine erfolgversprechende Idee zu sein, die Erwartungshaltung des Partners aufzugreifen, ihm auf für einen selber unwesentlichen Gebieten entgegenzukommen und anschließend neuzuverhandeln.
Weiterhin hätten die Griechen die Erkenntnis nützen können, dass zwei eng verbundene Partner beiderseits in Bewegung kommen, wenn einer von beiden sich anfängt zu bewegen. Wie beim Tanzen oder beim Judo hat der führende die Möglichkeit, durch eigene Bewegung den geführten Partner in eine ihm gefällige Richtung zu bekommen.

Was hätte also die griechische Regierung machen sollen: Ein paar aus ihrer Sicht politisch unschädliche, aber für die Troika vertrauensbildende Maßnahmen schnell und konsequent umsetzen und sich ein neues argumentatives Gerüst schaffen abseits von eher lächerlichen Diskussionen wie „Würde“ o.ä., an dem die der Austerität tatsächlich abgeneigten Staaten von Europa sich unterstützend einhängen hätten können. Und mit diesen zusammen dann die Politik von Europa ändern.
So einfach wäre es gewesen. So erfolgreich hätte es sein können. Schade. Verpasst.

Das einzige, was bleibt: Die große Chance für alle Seiten über die sich jetzt erheblich erhöhenden Schmerzen den Trauerprozess bis zur Einsicht in den Veränderungsbedarf voranzubringen. Schade nur um die verpasste Zeit, die viele verschwendete Energie und die jetzt notwendigen Opfer aufgrund dieser von allen Seiten komplett an die Wand gefahrenen Situation.

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