Entscheider und ihr Versagen

Zuletzt gab es zwei prägnante Fälle von verwunderlichem Verhalten in Gruppen. Verwunderlich allerdings nur, solange man von außen auf diese Gruppen schaut.

Das eine ist die Stärkung von A. Jain bei der Deutschen Bank durch den Aufsichtsrat. Und das trotz einer Entlastungsquote von nur 61% für den Vorstand auf der Hauptversammlung, was – da offenbar die größten Aktionäre Blackrock und Paramount Services aka Katar mit zusammen knapp 12% des Kapitals ihr weiteres Vertrauen in diese Führung ausgesprochen haben und nur ca. 30% des Kapitals überhaupt bei der Abstimmung vertreten waren – eklatant niedrig ist.

(Nebenbei: Wie es in diesem Zusammenhang zu einer Entlastung des Aufsichtsrats mit über 90% kommen kann, ist mir persönlich unverständlich. Wie kann ich als Aktionär einer Führung das Vertrauen entziehen und gleichzeitig den Führungskräften, die diese Führung einsetzen und protegieren, weiter vertrauen? Wer ist denn für diese Führung verantwortlich und kontrolliert sie?)

Das andere ist die herrliche Posse um Herrn Blatter und „seine“ FIFA. Auch hier ein Manager, der offenbar rechtlich unangreifbar ist, aber einer Organisation vorsteht, die tief in moralisch und rechtlich fragwürdigem Verhalten verstrickt ist. Und der – eben weil ihm persönlich nichts rechtlich vorwerfbar ist – trotz des zerrütteten Zustands der Organisation ein weiteres Mal diese Organisation leiten darf.

Jetzt frage ich mich natürlich in beiden Fällen, warum es zu solch von außen betrachtet merkwürdigem Verhalten der Entscheider-Gruppen kommt. Denn beides – die Stützung von A. Jain und die Wiederwahl von S. Blatter – erscheinen absurd, wenn man rechtliche Haftbarmachung und inhaltliche Verantwortlichkeit nicht trennt. Im Cicero war hierzu ein guter Kommentar von C. Schwennicke zu lesen:

Bei einem Minister wäre das so: Entweder er wusste davon, dann hat er Fehler gemacht und muss weg. Oder er wusste nichts von diesen Vorgängen in seinem eigenen Haus, dann hat er seinen Laden nicht im Griff und muss umso mehr weg.

Ja genau. Warum erscheinen solche „Lichtgestalten“ wie S. Blatter und A. Jain unangreifbar und können offenbar machen, was sie wollen?

Meine Vermutungen:

  • es gibt keinen Ersatz bzw. die Suche nach einem Ersatz erscheint zu anstrengend oder risikoreich. Man bleibt lieber beim bekannten Übel, das man meint einschätzen zu können, als ein noch unbekanntes Risiko einzugehen. Nach dem bequemen Motto: „Das Wasser steht uns ja nur bis zum Hals, es wird schon nicht weiter steigen. Und so lässt sichs doch irgendwie aushalten, ging ja auch die letzten Jahre wunderbar.“
  • es gibt eine persönliche Verquickung der Entscheider in dieses moralisch fragwürdige System. Motto: „Nur nichts ändern, am Schluss kommt ein Revolutionär und auch mein Kopf ist dann ab, weil plötzlich Transparenz herrscht.“
  • es gibt eine persönliche Verbindung mit den „Lichtgestalten“. Motto: „Er ist doch mein Kumpel, dem tue ich doch nicht weh. Und eigentlich verstehe ich ihn ja. Er kann halt nicht anders. Und man muss jedem schließlich eine zweite Chance gönnen.“
  • es ist allen egal. Motto: „Mir doch wurscht, dass die Öffentlichkeit heult. Wann gibt’s endlich was zu essen?“
  • der Schein der „Lichtgestalt“ blendet. Motto: „Besser eine moralisch oder fachlich fragwürdige Lichtgestalt als ein sauberer, unscheinbarer Bürokrat. Wäre sonst doch langweilig. Und der Schein muss ja von irgendwas kommen. Und fällt dann auch auf uns zurück.“

Ich befürchte, alle diese Motivationen werden in den Entscheidungsrunden vorkommen und das Ergebnis in Summe „verdummen“. Wie aber kann oder sollte eine unbeteiligte Öffentlichkeit damit umgehen?

Zwei Vorschläge:

  1. klare Zuordnung der Verantwortung an die Spitze der Pyramide. Und Personalisieren der Verantwortung. Natürlich sind Herr Achleitner und seine Kollegen im Aufsichtsrat bei der Deutschen Bank das Problem und nicht A. Jain.
  2. Verachtung. Ja, das ist in meinen Augen das einzige, was gegen diese „dummen“ Entscheider hilft. Nicht mehr beachten, ignorieren. Abwenden. Weder die Fifa noch die Deutsche Bank sind wirklich so wichtig, als dass man sich mit dysfunktional agierenden Aufsichtsräten, Funktionären oder Führungskräften beschäftigen müsste.

Denn eigentlich gilt: Bei der Deutschen Bank triffts nur die offensichtlich ebenso dumm agierenden Aktionäre, bei der FIFA sollten alle Zahlungen aus öffentlicher Hand einfach eingestellt werden. Wenn Adidas und Nike und Budweiser weiter 25% in die Taschen von sich bereichernden Funktionären zahlen wollen: So what. Wer von solchen Unternehmen Kunde sein will, darf das. Aber bitte ohne Steuergelder.

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