Ich bin disruptiv, ich darf das

Am 17.5.2015 stolperte ich auf Deutschlandradio über einen Podcast eines „Digitalen Salons“ des „Alexander von Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft“, der am 29.04.2015 stattgefunden hatte.
Das Thema der Veranstaltung war „Mein Haus, dein Auto, unser Boot.“, also das Teilen von Gütern aka die gute, neue „share economy“ und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

War der prinzipielle Gesprächsverlauf aufgrund der Teilnahme eines Vertreters des Unternehmens Uber wenig überraschend, so ärgerte mich vor allem die Person des „Mobilitätsforschers“ Andreas Knie.

Was mich zunächst störte, war die aus meiner Sicht etwas euphemistischen Bezeichnung „Mobilitätsforscher“ in der Vorstellung (s. Podcast 3:25 oder verlinkte Übersicht zur Veranstaltung) für jemanden, der nicht nur in Person eines Wissenschaftlers anwesend war, sondern eben auch als „Leiter Geschäftsentwicklung der Fuhrparkgruppe der Deutschen Bahn AG“ (s. Lebenslauf)

Ich mag hier pingelig sein, aber für mich ist es ein deutlicher Unterschied in der Einschätzung einer Person und des von ihr vertretenen Standpunkts, ob ich jemanden vor mir habe, der aus rein akademischem Interesse Meinungen äußert oder aus dem Blickwinkel des derzeit vermutlich größten Mobilitätsanbieters in Deutschland heraus. Dies zu verschweigen ist journalistisch und wissenschaftlich unsauber und entwertet die Veranstaltung.

Aber ich schreibe hier ja keine Medien-/Wissenschaftskritik, ich will mich vor allem inhaltlich mit einer Kernaussage in dem Gespräch auseinandersetzen, die von eben dieser Person auf eine für mich recht bräsige Art und Weise geäußert wurde.
Ab Minute 23:00 äußert sich A. Knie wie folgt zu der relativ vehementen Kritik an dem Auftritt des Unternehmens Uber durch die Journalistin A. Meier (s. dazu auch):

„Mir geht’s jetzt persönlich gar nicht um Uber oder das Image von Uber. Mir geht’s darum: Wie kann man Gesellschaft verändern. Und Gesellschaft kann man nicht verändern, indem man regelgetreu arbeitet und handelt. Nur durch Regelübertretung passieren Innovationen.“

Eine sehr spannende Einstellung zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit und ihren Regeln hat dieser Manager der Deutschen Bahn und Professor im Nebenberuf. Welche Regelübertretung ist denn zum Erreichen einer „Veränderung der Gesellschaft“ zulässig? Gesetze und Vorschriften ignorieren? Soziale Sicherungsnetze zerreißen? Arbeitsschutzvorschriften aushebeln? Die Versklavung der Mitarbeiter einführen? Nutzung der Prügelstrafe bei Zielverfehlung? Erschießung des Konkurrenten?

Das sind natürlich sehr plakative, sicher so nicht gemeinte Möglichkeiten des Regelverstoßes. Sie verdeutlichen aber, dass wir es hier einmal mehr mit einer Führungsperson zu tun haben, die Zielerreichung über moralisch integre Arbeitsweise stellt, die also bereit ist, einen vielleicht sogar vorhandenen moralischen Kompass für kurzfristige persönliche Vorteile aus der Hand zu legen.

Wie schwachsinnig die Aussage im speziellen ist, kann man allein daran erkennen, dass die letzten großen Disruptionen (z.B. facebook als soziale Vernetzungsplattform, ebay als Versteigerungsplattform, amazon als Handelsplattform und das iPhone als erstes marktgängiges Smartphone) alle ohne Regelübertretungen ausgekommen sind und trotzdem extrem disruptiv und gesellschaftsverändernd waren.

Ich frage mich immer wieder, warum Personen mit solchen Einstellungen unwidersprochen ihre libertären Meinungen im Rahmen einer solchen, öffentlichen Veranstaltung äußern können. Mir zumindest graust es vor einer Gesellschaft, die solche Einstellungen als so „normal“ ansieht, dass darauf kein vehementer Widerspruch folgt.

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