Managementlyrik

In den letzten Tagen bin ich mehr als einmal über die Kaderschmieden des effizienten Managements (ja effizient, bei effektiv bin ich mir manchmal nicht so sicher) gestolpert: Die großen ‚Management consultancies‘ mit ihren Millionenbudgets.

Manager und Meinungsmacher schmücken sich gerne in der Öffentlichkeit mit Stationen bei diesen Unternehmen, eher triviale oder gar populistische Aussagen erhalten scheinbar Gewicht durch Referenzen auf die Methodenlehre in diesen Häusern.

Ein Beispiel hierzu ist das Interview im Bayerischen Rundfunk der regen Öffentlichkeitsarbeiterin in eigener und feministischer Sache Anke Domscheit-Berg, die unter anderem eine berufliche Station bei McKinsey verbracht hat. In dem Interview beschreibt sie ab der ca. 33 Minute „die rein analytisch und sachlich und mit Managementperspektive“ agierenden Berater, die keine „eigene Interessen“ mit ihrer Arbeit verfolgen würden und demnach offenbar unbestechliche Anwälte der Wahrheit sind.

Diese Behauptung bleibt unhinterfragt, obwohl sie zum Eigenlob der smarten Netzwerkerin dient und eine stark feministisch und damit weltanschaulich motivierte Studie zu begründen hilft. Die Eigeninteressen an jedem trendigen Managementthema einer ‚Management consultancy‘, deren Geschäftsmodell natürlich extrem marketing-lastig ist, werden dabei komplett ignoriert, es bleibt der Schein und Schmuck eines rational agierenden und nicht Partei ergreifenden Beraters zurück – trotz einer sehr parteiischen Grundaussage in diesem Interview.

Welchen Geistes aber beispielhaft das genannte Unternehmen ist, kann man an einem Leitspruch ersehen, den ich bei einem sehr schönen „bullshitbingo“ des Spiegels entdeckte.

„Everything can be measured and what gets measured, gets managed“.

Ja, diesen Spruch muss man erst einmal sacken lassen. Dieses Unternehmen behauptet also allen ernstes, dass es fähig ist, alles messen zu können. Und dass alles, was dann gemessen wird, auch „gemanaged“ würde.

Mal abgesehen von der weltanschaulichen Anmaßung des „alles messen könnens“: Wer in Unternehmen unterwegs ist, weiß, dass sicher vieles dort gemessen wird. Und meist auch manches gemanaged. Dass aber relativ wenig Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen besteht.
Zum einen liegt es daran, dass eben nicht alles gemessen werden kann, sondern nur Abläufe oder Ergebnisse, die methodisch greifbar sind. Weiche Themen wie Mitarbeitermotivation, Spaß bei der Arbeit, Vertrauen zur Führung, Führungsverhalten erschließen sich meist ebenso schlecht unmittelbar wie auch manche technische Herausforderungen. Im besten Falle gelingt hier eine mittelbare Messung, die mehr schlecht als recht Hinweise gibt und oft mit ein wenig Gefühl, echtem Interesse an dem Thema und Sachverstand überflüssig wäre.
Zum anderen muss jeder Messwert erst einmal richtig interpretiert werden, bevor aktives Management erfolgreich sein kann. Ist dieser Schritt aufgrund fehlenden Ablaufverständnisses, fehlenden Interesse an einer Durchdringung der Materie oder fehlenden Kompetenzen in der Führung nicht möglich, ist die oben genannte Aussage wertlos. Und mein Eindruck ist, dass der Einsatz von Unternehmensberatungen hier eher Symptom dieser Führungsprobleme ist als Lösung.

Ansonsten ist der Satz natürlich in seiner Wendung ebenso weltanschaulich gaga, wie die amerikanische Sicht auf Big Data. Nein, nicht alles muss messbar sein und kann „gemanaged“ werden.

Alles, was „gemanaged“ werden soll, muss gemessen werden. Aber nichts, was nicht „gemanaged“ werden muss, sollte gemessen werden. Und diese Umdrehung der Aussage von oben zeigt, dass die smarten Berater keineswegs „Anwälte der Wahrheit“ sind, sondern genau eine Wahrheit im Auge behalten: Ihre Wahrheit.

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