Über Veränderungsbedarf

Viele von uns kennen das: Irgendwann stellt sich einem die berufliche Frage, ob man noch länger an Ort und Stelle bleiben möchte, oder ob nicht ein Schritt nach vorne – wo immer das in der persönlichen Bewertung liegen möge – notwendig ist.

Im allgemeinen gilt für mich dabei die gute alte Regel: „love it, change it or leave it“.
Was ich persönlich als langjähriger Mittelmanager in Großkonzernen mittlerweile weitgehend aufgegeben habe ist der mittlere Teil: Nein, ein Mittelmanager ist nicht da, um „change it“ zu betreiben. Das wird ihm fachlich und nachhaltig in den seltensten Fällen über sein eigenes Team hinaus gelingen. Und schon gar nicht in Bezug auf das allgemeine Führungsklima, das Wertesystem des Unternehmens, die ggf. unangenehmen Managerkollegen oder die Chefs.

Gerade bei den letzten beiden Faktoren habe ich für mich einen sehr einsichtsspendenden „Managementindex“ entwickelt: Wie viele meiner hierarchischen Kollegen oder Vorgesetzten würde ich für mein eigenes Unternehmen als wertsteigernd ansehen?
Warum ich mich das frage? Weil ich mich als Mittelmanager >45h in der Woche in dieser Gesellschaft bewege. Wenn ich diese Gesellschaft nicht als bereichernd empfinde, dann bleibt für mich nur die Frage, wie lange ich meine Lebenszeit noch an diesem Ort mit solcher Gesellschaft verschwenden möchte.

Stelle ich fest, dass mein Managementindex auf niedriger Basis verharrt, dann ist natürlich Selbstreflexion angesagt: Was muss das Umfeld mitbringen, dass ich es als persönlich bereichernd empfinde? Was also ist mir wichtig im persönlichen Miteinander, in den gelebten Werten oder im Führungsklima?
Wer hier nicht ehrlich zu sich ist, wird ggf. den leichtesten weil naheliegendsten Schritt gehen: Zur Konkurrenz, die vermutlich eine ähnliche Unternehmensstruktur, -größe und -hierarchie haben wird. Und er wird nach erfolgtem Wechsel feststellen, dass es nichts mit dem Wechsel war: Alles bleibt beim alten, nur die Namen im Organigramm haben sich geändert.

Ist man allerdings ehrlich mit sich und seinen Ansprüchen gewesen, dann wird der nächste schwierige Schritt sein, den richtigen neuen Hafen zu finden. Hierzu kann ein Branchenwechsel, ein Wechsel der Unternehmensform – z.B. vom Konzern weg in den Mittelstand – oder auch der Versuch einer Selbstständigkeit notwendig werden. Alles natürlich nicht ganz so naheliegend als Ziel und dementsprechend je nach persönlicher wirtschaftlicher Freiheit reiflich zu planen. Und deshalb gilt hier: Niemals das „leave it“ überstürzen, keine Situation ist so verzweifelt, dass man sie nicht noch 6-12 Monate aushält – mit dem wahren Ziel vor Augen.

Nun stellt sich noch die Frage, wie man sicherstellen kann, dass der neue Hafen auch wirklich das mitbringt, was man sich erhofft. Tja. Hier heißt es wohl vor allem Risikominimierung zu betreiben.

Zwei Vorschläge meinerseits:

  • Sehr kritisch sein mit Veröffentlichungen von Unternehmen, die erkennbar die Feder der Veröffentlichung selber geführt haben. Unternehmen wie Menschen haben die Neigung, genau das in ihrer Selbstbeschreibung zu betonen, was sie am wenigsten haben aber am meisten vermissen. Denn Eigenschaften, die wir vollständig besitzen, erscheinen uns selbstverständlich und werden von uns deshalb gerne in der Selbstbeschreibung ausgelassen. Wenn also Traditionsunternehmen z.B. schreiben lassen, sie hätten „die Krawatte abgelegt“, dann befürchte ich, dass hier eher der Wunsch Vater des Textes ist, vor allem, wenn es tatsächlich notwendig ist, das zu betonen.
  • Im Vorstellungsgespräch das Heft selbst in die Hand nehmen. Viele Personalabteilungen arbeiten mit der Methode des „Verhaltensdreiecks“, um eine bestmögliche Vergleichbarkeit von Bewerbern sicherzustellen und die Realitätsnähe von Selbstbeschreibungen zu testen. Warum nicht diese Methode als Bewerber selber anwenden? Weshalb nicht beispielsweise einen ggf. zukünftigen Vorgesetzten nach einer konkreten Situation fragen, in der er „mitarbeiterorientierte Führung“ gezeigt hat, wenn diese einem wichtig ist und die Unternehmenskultur sie beinhalten soll?

Ansonsten gilt natürlich auch hier wie überall im Leben: Wer „leave it“ sagt, muss mit den Risiken daraus klarkommen. Aber jede Veränderung ist ein Anstoß zu weiterem Lernen – und wenn es nur das bessere eigene Kennenlernen ist. Egal wo das eigene „vorne“ dann letztendlich wirklich liegt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Theorie abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s