Selbstgewählte Gefängnisse

In der Veröffentlichung „Rethinking Gamification“ der Leuphana Universität Lüneburg fand ich in einem Paper von Niklas Schrape mit dem Titel „Gamification and Governmentality“ ein für diesen Blog interessantes Bild:

„In airports like in liberal societies, the space is structured by borders, separating public from non-public areas, including or excluding individuals. But the separated areas in the liberal society exist mostly to confine the excluded and the punished, thereby posing deterrence to everyone else. They are materialisations of negative feedback.
But the exclusive areas in the airport exist to privilege the elite, motivating the excluded to strive for access. The passengers in the senator lounges are not dangerous individuals to be jailed or unwilling workers that have to be locked-up in the factory, they are privileged customers who are granted status and exclusiveness for being loyal to their airline. They are not disciplined to behave correctly or punished because they did not behave so, they are rewarded for their past behaviour – thus motivated to continue. The senators lounge is a materialisation of positive feedback.“
(S. 42)

Der Autor vergleicht dabei Gefängnisse als eines der stärksten Mittel der negativen Sanktionierung in unserer liberalen Gesellschaft mit Vielfliegerlounges an Flughäfen als Belohnungs-Feature für Kunden mit besonders hohem Kundenwert für eine Fluggesellschaft. Interessant dabei ist, dass beide Räume tatsächlich im Resultat ähnliche Auswirkungen haben: Eine verhaltensbezogene Separierung einzelner vom Rest der Gesellschaft.

Betrachtet man nun hierarchische Systeme wie unsere großen Unternehmen, stellt man bei ein wenig Abstraktion fest, dass ähnliche Mechanismen auch in diesem Habitat wirksam sind.
Negatives Verhalten wird im schlimmsten Falle mit Ausschluss aus dem Unternehmen geahndet. In harmloseren Fällen erfolgt eine Versetzung an einen abgelegenen Standort – gerne in einer Einöde mit hoher kultureller Herausforderung gelegen – oder in eine Abteilung, deren Arbeit niemanden interessiert und in der sich die scheinbar überflüssigen Charaktere des Unternehmens ansammeln – genannt Elefantenfriedhof.
Positives Verhalten dagegen führt in der Regel zu einem hierarchischen Aufstieg mit mehr Macht und Einfluss.
Mit beiden Wegen ist die zunehmende Schwierigkeit verbunden, mit ehemals guten Kollegen in gewohnt fruchtbarem Kontakt zu bleiben oder mit neuen Kollegen ähnlich vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Haftet im ersten Falle der unangenehme Geruch des Verlierers an einem, verhindern die neuen Machtmittel und -insignien im zweiten Falle den offen geführten Austausch.

Letztendlich ist also auch Karriere zwischenmenschlich betrachtet häufig ein Weg in die selbst gewählte Isolierung, deren psychologische Auswirkung gerne übersehen wird. Die Büros werden immer größer, die Türen davor immer dicker und das Umfeld menschlich immer schwieriger. Und irgendwann erscheint der sicher golden schimmernde Käfig ähnlich undurchdringlich wie eine Gefängnismauer.

Dabei wäre der Schritt heraus prinzipiell einfach möglich. Aber die positiven Feedbackmechanismen verhindern meist zuckrig-klebrig die selbstständige Öffnung der eigenen Zellentür – ist doch die Aufgabe von hart erarbeiteten und ach so bequemen Privilegien fast schon übermenschlich.

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