Der Erfolg des Erfolgreichseins

Heute möchte ich in meinem Blog auf einen aktuellen Essay von Robert Misik in der Neuen Zürcher Zeitung hinweisen, der den Erfolg des Erfolgreichen beleuchtet als selbstreferenzielles Wollen und Können unabhängig von inhaltlicher Leistung.

Die These: Man ist heute vor allem dadurch erfolgreich, indem man erfolgreich erscheint. Egal ob als Manager, Künstler oder Journalist. Es kommt für den Erfolg weniger auf die tatsächliche Leistung an als auf das mehr oder weniger geschickte Darstellen von Erfolg. Und ist die Maschine des Erfolgs erst einmal in Gang gesetzt, läuft sie fast wie ein Perpetuum mobile weiter, solange der Eindruck des Erfolgs bestehen bleibt.

Eine sehr schöne Beobachtung aus dem Text: „In TV-Talkshows treten Journalisten auf, die als wichtige Journalisten gelten, selbst dann, wenn sie praktisch keiner anderen journalistischen Tätigkeit nachgehen, als im TV wichtige Journalisten darzustellen.“

Ähnlich kennen wir dies z.B. auch aus der Ökonomie, bei der einzelne Professoren so oft in den Medien erscheinen, dass der Eindruck entsteht, sie würden ohne Kamera gar nicht existieren, ihre Existenz sei also quasi mehr der Kamera als der tatsächlichen professoralen Weisheit geschuldet. Ein Eindruck, den das Versagen der öffentlichen Ökonomie in der Wirtschaftskrise ja eher bestätigte als widerlegte – ohne allerdings die Rolle der ökonomischen Leitgestirne in den Medien in irgendeiner Art und Weise zu beschädigen.

Und jeder von uns hat sich sicherlich über die astronomischen Summen gewundert, die manche modernen Künstler – oder eher ihre Sammler – auf Auktionen für ihre Werke erzielen. Auch hier gilt weniger die Bewertung einer künstlerischen Leistung oder Originalität als Maß für den Preis als die Tatsache, dass jemand anders auch bereit ist, eine ähnliche Summe zu zahlen.

Und zuletzt ist dieses Vorgaukeln ja der Grundgedanke unseres gesamten Wirtschaftssystems, wie wir schmerzhaft nach 2008 immer wieder feststellen müssen. Unser Reichtum ist nur dann ein Reichtum, wenn wir alle daran glauben, dass wir reich sind. Würde niemand mehr die bunten Stücke Papier oder virtuellen Zahlenreihen auf beliebigen Konten als Gegenwert akzeptieren, wären sie wertlos. Was natürlich ebenso für Gold, Häuser und jeden anderen Wertgegenstand im relativen Vergleich gilt.

Ist dies aber tatsächlich eine „neue Zeit“, die hier angebrochen ist?
Ich denke nein. Schon immer war der vorauseilende Ruf der Unbesiegbarkeit ein Hilfsmittel, um tatsächlich unbesiegt zu bleiben. Nicht umsonst machten sich Führer in allen Kulturen gottgleich und stellten sicher, dass es nichts gab, das Zweifel daran erwecken konnte. Wohl wissend, dass in der Sekunde, in der dies nicht mehr gelänge, der eigene Tod drohte durch die Hand eines nächsten, der aus eben jener Tat seine Unbesiegbarkeit ableiten würde.

Was sich aber wohl wirklich geändert hat, sind die Chancen für den geschicktesten „Schauspieler“, die sich in einem solchen System ergeben. Denn unsere Medienwelt sorgt dafür, dass es immer weniger Platz für zufriedene aber zweitrangige Erfolgs-Darsteller gibt. Wer früher glücklich der größte in seinem kleinen Reiche war, selbst wenn das Reich nur wenige Dörfer umfasste, sieht heute die Großreiche auf dem nächsten Kontinent daneben. Und ich denke, diese hohe Transparenz führt heute bei den Selbstdarstellern unter uns zu höherem Stress, da sie sehr viel mehr Konkurrenz sehen als früher. Und eben nur einer der wirklich größte sein kann.

Wer sich allerdings bewusst aus diesem Kampf heraushält, also zufrieden mit seiner Leistung und dem daraus resultierenden Platz ist, wird auch heute von diesem Kampf der Erfolgs-Darsteller kaum betroffen sein. Wer nicht über sich hinauswachsen will, wird zwar in der Regel auch nicht weiter wachsen, wird aber sicher mehr Zufriedenheit und Freiheit im Leben verspüren als diejenigen, für die jeder Schuh, kaum ist er angezogen, sich als zu klein anfühlt zum gehen.

Und deshalb sind die Erfolgsmenschen auch zu bedauern:
„Der Erfolgsmensch ist Gefangener der Erfolgskultur, die aber selbst glaubt, sie wäre die bisher höchste Stufe der Freiheit, weil in ihr das Ich ungekannte Höhen der Selbstverwirklichung erklimmen kann. Sie wird von gefangenen Befreiten bewohnt, weil sie jene Form der Unterdrückung ist, die als Freiheit empfunden wird.“

Lasst uns frei sein. Wir müssen nur daran glauben.

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