Wer ist ein Egoist?

Im Bayerischen Rundfunk kam Anfang Januar in der Sendereihe „Altruismus versus Egoismus“ ein sehr spannender Beitrag: „wie wir die Welt verändern können

Warum spannend? Weil er interessante Aspekte des menschlichen Verhaltens beleuchtet und unser Bild über die unterschiedlichen menschlichen Persönlichkeitstypen ergänzt.

Was sehen wir dort unter anderem?

Die Schilderung eines einfachen, aber sehr lehrreichen Versuchs im Rahmen der Verhaltenspsychologie.

Mehrere Menschen – im weiteren Beispiel vier – erhalten je zehn Euro mit der Aufforderung, unabhängig voneinander und ohne Absprache eine beliebige Menge davon in einen gemeinsamen Topf einzuzahlen. Nach der Einzahlung wird der Spielleiter die eingezahlte Menge verdoppeln und die Gesamtmenge in gleichen Teilen an alle Spielbeteiligten auszahlen. Das Geld dürfen die Spielteilnehmer behalten.

1. Entscheidungsbeispiel: Alle zahlen alles ein.

Altruismus_versus_Egoismus_01

Bei optimal altruistischen Verhalten erreicht also jeder eine Verdoppelung seiner zunächst erhaltenen Summe.

2. Entscheidungsbeispiel: Spieler 1 zahle 10€ ein, Spieler 2 und 3 jeweils 4€, Spieler vier nichts.

Altruismus_versus_Egoismus_02

Bei diesem Beispiel geht der altruistischste Spieler mit Verlust aus der Runde raus während der egoistischste Spieler den höchsten Vermögenszuwachs hat.

Das ganze stellt eine Situation der Verteilung eines Allgemeingutes unter Menschen nach. Im Beitrag genannte Beispiele wären z.B. der Fischfang auf den Weltmehren oder die CO2-Erzeugung der Menschheit.

Wie verhalten sich aber die Menschen in diesem Testszenario?

Die Mehrzahl der Spieler gibt 30-50% der zunächst erhaltenen Summe in den Topf. Aber es gibt den vergleichsweise hohen Anteil von ~30%, die sich egoistisch verhalten, also nichts oder fast nichts in den Topf einzahlen.

Was lernen wir daraus:

  1. die Menschheit agiert im allgemeinen zumindest in Maßen altruistisch
  2. immerhin jeder dritte stellt sein eigenes Fortkommen über das Gemeinwohl. Letztendlich würde jeder in den Topf eingezahlte Euro durch die Verdoppelung das Gemeinwohl erhöhen. Nichts einzuzahlen und damit einen besonders hohen persönlichen Zuwachs zu erwarten hat also eine mehrfach antisoziale Konnotation, ist aber trotzdem häufig die gewählte Handlungsoption.
  3. Das Verhalten muss aufgrund der Quote unabhängig vom Persönlichkeitstypus sein. D.h. auch viele Socializer werden in ähnlichen Situationen antisozial agieren, was meine These des Killers als antisozialem Gegenpol aller Persönlichkeitstypen stützt.

Richtig interessant wird das Experiment aber bei mehreren Runden mit der Offenlegung des Verhaltens eines jeden nach jeder Runde. Denn welche Wirkung erzielt solch antisoziales Verhalten einzelner in einer Gemeinschaft: Es führt zum Zusammenbruch jeglicher altruistischer Strukturen. In weiteren Runden wird der durchschnittliche Beitrag eines jeden drastisch nach unten gehen, am Ende wird niemand mehr in den Topf einzahlen, obwohl dies für alle die schlechteste aller Varianten ist.

Bleibt die Frage, wie man diesem schnellen Tod eines auf Altruismus basierenden Systems vorbeugen kann.

Zwei Erfolgsfaktoren werden im Beitrag genannt:

  1. die Nutzung von Reputation als Anreiz zu sozial-adäquatem Verhalten. D.h.
    • die lobende Schaffung von Öffentlichkeit für altruistisches Verhalten. Gute Beispiele sind Spendengalas, Auszeichnungen etc.
    • die Ächtung von egoistischem Verhalten. Beispiele hierfür sind Veröffentlichungen von Steuersündern, Berichterstattung über Verfahren wegen Veruntreuung etc.
  2. die Sanktionierung von antisozialem Verhalten. Während Punkt 1 vielleicht noch den einen oder anderen sozial unabhängigen Geist unberührt lässt, sind tatsächliche Strafen auch für hartgesottene Soziopathen schmerzhaft. Führt man also in dem oben genannten Beispiel für die altruistisch agierenden eine nachträgliche Sanktionsmöglichkeit gegen weniger altruistische Mitspieler ein, wird es im weiteren Verlauf kaum mehr egoistisch agierende Spieler geben.

Bleibt zuletzt die Frage übrig, warum ich dieses Beispiel hier in meinem Blog zur Führung und Motivation in Unternehmen anbringe.

In letzter Zeit mehren sich in der Presse Artikel (Beispiel 1, Beispiel 2) oder Interviews, die meine These stützen, dass wir vor allem in großen Konzernen unter hohem globalen Konkurrenzdruck eine Verschlechterung der Managementkultur erleben. Die kaum änderbaren Randbedingungen des Wettbewerbs und der Globalisierung führen dazu, dass sozialer „Ballast“ zunehmend abgeworfen wird und sich ein Managertypus durchsetzt, dessen zwischenmenschliche Verhaltensweisen zumindest zweifelhaft sind.

Unternehmen sollten hier sehr sensibel agieren. Bei allen unternehmerischen Nöten erscheint mir ein menschlicher Umgang untereinander gerade in schwieriger Situation ein hohes Gut zu sein, das es zu verteidigen gilt.
Gerade die Nutzung von Reputation kann ein extrem wichtiges Werkzeug zur sozialen Einhegung von menschlich fragwürdigem Verhalten sein. Es muss Kernaufgabe des Managements werden, das Verhalten der eigenen Führungskräfte zu analysieren und ggf. zu korrigieren. Dabei reicht es nicht, sich auf – gerade in einer Angstkultur mehr oder weniger zweifelhafte – Ergebnisse von Mitarbeiterbefragungen zu verlassen. Viel wichtiger wären zum Beispiel Mechanismen, die es ermöglichen, besonders lobenswertes Verhalten durch von der Führungskraft unabhängige Dritte zu bewerten. Oder für die Organisation sichtbare Netzwerke, bei denen die eigene Reputation mit der Reputation des anderen verknüpft ist. Wenn sowohl Lob als auch Verknüpfung eine knappe Ressource sind, deren Vergabe wohl überlegt sein muss, dann könnte hieraus ein ernsthaftes Medium zur sozialen Lenkung von Führung entstehen.

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