Führung und Verantwortung

Diese Woche fielen mir bei der eigentlich inhaltlich wenig neues bietenden aber trotzdem medial sehr präsenten Abwicklung der Lichtgestalt „Big T“ oder Thomas Middelhoff einige Kommentare in der Presse auf.
Interessanterweise auf der eigentlich eher linksliberal angesiedelten Seite Zeit.de wie auch auf Spiegel Online fand ich mit Verwunderung Texte, die das Verhalten und die Taten von Middelhoff auf überraschend krude Art und Weise relativieren wollen.

Spiegel Online verweist auf eine durchaus interessante Veröffentlichung aus Berkeley und Stanford, in der ein Forscherteam studentische Probanden in Führungssituationen gebracht und eine Verhaltensänderung bei den zur Machtausübung Eingeteilten festgestellt hatte. Der Journalist versucht damit die Aussage zu untermauern, die häufig auch bei Steuerdelikten oder sonstigen Verfehlungen mächtiger oder reicher Menschen genutzt wird: Dass nämlich jeder in der gleichen Situation mit den gleichen Möglichkeiten so gehandelt hätte. Und dass deshalb das Vergehen eher lässlich sei und die Verurteilung somit übertrieben.

Die „Zeit“ dagegen argumentiert, dass es gar keine Untreue gegeben habe, da der Konzern Arcandor zum Zeitpunkt des beanstandeten Vergehens nicht das Vergehen als solches erkannt hätte. Und deshalb sei die Höhe des Urteils überzogen und Middelhoff eher für sein aus vielen Gründen zu entschuldigendes Scheitern als Vorstand bestraft worden.

Beides erscheint mir aus der Feder von Angehörigen eines Berufstandes verständlich, der für Außenstehende mit überraschenden Privilegien ausgestattet ist und der nicht gerade für höchste Transparenz im Umgang mit diesen Privilegien bekannt ist, stellt aber eine für mich merkwürdige Verzerrung der Wirklichkeit da, die man manipulativ nennen könnte.

Zum einen weise ich den fast schon expliziten Vorwurf zurück, dass Manager nur aufgrund ihrer funktionalen Macht die ihnen gegebenen Privilegien über alle Maßen strapazieren. Wer in Unternehmen unterwegs ist, wird natürlich nicht bestreiten können, dass es eine Riege von Managern gibt, die grundsätzlich das größte Auto und das neueste Handy beschaffen lassen und die auch für Kurztripps das zumindest auf diesen Strecken sinnlose Businessclass-Ticket buchen – die also die ihnen gegebenen Privilegiengrenzen für sich auszunutzen wissen.
Aber genauso natürlich wird man eben auch den sparsamen Manager finden, der ein fünf Jahre altes Handy besitzt, selbst auf Fernreisen mit seinem Team in der Holzklasse fliegt und ein unauffälliges Auto für seine Dienstreisen nutzt. Dem also alle Privilegien ziemlich egal zu sein scheinen.
Und das zeigt mir, dass es eben doch auf die Persönlichkeit des einzelnen ankommt, wie der Spielraum zur Machtsymbolik genutzt wird. Unternehmen können dies über die Auswahl ihrer „Managementstars“ im Rahmen der Nachwuchsförderung steuern. Wer hier vor allem auf Privilegienanreize setzt – ein natürlich sehr einfach funktionierendes Schema – wird die darauf passenden Persönlichkeiten ernten. Und wer so gestaltete Vorbilder fördert, wird Nachahmer produzieren und sollte dann über Auswüchse im eigenen Team nicht verwundert sein.

Zum Artikel der „Zeit“ gibt es meines Erachtens nur eine Einwendung: Natürlich ist Arcandor der Auslöser des Prozesses. Leider nur in Person des Insolvenzverwalters, da vorher wohl tatsächlich die internen Überwachungsprozesse gegenüber der scheinbaren Lichtgestalt versagt haben. Aber auch der Insolvenzverwalter vertritt Arcandor wie es vielleicht auch ein etwaiger Nachfolger von Middelhoff getan hätte, wenn Arcandor überlebt hätte. Schon aus diesem Grund ist das Argument der „Zeit“ perfide.
Noch erschreckender wird das Argument aber, würde man es verallgemeinern. Denn so gesehen könnte man immer argumentieren: Solange das Opfer das Verbrechen nicht mitbekommt, ist es kein Verbrechen. Das mag zwar in den Auswirkungen gerade bei wirtschaftlichen Strafsachen oft so sein („wo kein Kläger, da keine Anklage“). Aber ein Verbrechen bleibt natürlich ein Verbrechen, auch wenn es vielleicht öffentlich nicht verfolgt wird. Und wenn es doch öffentlich verfolgt wird – wie hier in diesem Fall -, dann ist das Argument wertlos. Und die darauf aufbauende Argumentation sinnlos.

Doch bevor ich falsch verstanden werden: Ich habe zur Höhe des Urteils über Middelhoff keine eigene Meinung und hätte auch mit einem Freispruch leben können. Was mich zu diesem Text gebracht hat, war allein die aus meiner Sicht manipulative Argumentation zu Führungsverhalten und -verantwortung in den Zeitungskommentaren. Denn immer wieder erscheint es, dass Topmanager mit zwei unterschiedlichen Maßstäben gemessen werden: Solange sie erfolgreich sind, werden sie uns als Lichtgestalten aus eigenem Willen und eigener Leistungsbereitschaft heraus präsentiert. Scheitern sie, dann waren es die Randbedingungen, die menschliche Grunddisposition oder die Deformation der Macht, der sie ausgeliefert waren.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Ich würde mir wünschen, wenn alle Manager wieder ein wenig mehr ihre Vorbildfunktion beherzigen würden. Denn gute Manager wissen: Wenn ich das Verhalten anderer ändern will, dann sollte ich zunächst mit dem einfachsten anfangen: Der Änderung meines eigenen Verhaltens. Wer also seine Mannschaft zum sparen anleiten will, sollte zunächst selber sparsam sein. Dann wird Führung plötzlich sehr einfach …

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