Heldenmythen

In der Zeit dieser Woche fand ich eine Werbepostille namens „Unternehmer“, in der Martin Kind interviewt wurde, ein Unternehmer und Präsident des Fußballvereins Hannover 96.
Passend zum Hauptartikel des Wirtschaftsteils der Zeit namens „Beherrsche dich!“ über das Erfolgskriterium „Selbstbeherrschung“ antwortet dieser Mann auf die Frage nach der Rolle des Urlaubs in seinem Leben: „Keine. Ich brauche keinen Urlaub. Ich arbeite gern und empfinde das nicht als Belastung.“ Das ganze schien dieser Werbepostille – oder Martin Kind – so wichtig als Neuigkeit, dass als Überschrift des Gesamtinterviews „Urlaub ist überflüssig“ gesetzt wurde. Googelt man nach diesem Martin Kind, findet man in verschiedenen Zeitungen ähnliche Aussagen. Keinen Urlaub zu brauchen erscheint also als ein besonders wichtiger Punkt in diesem erfolgreichen Unternehmerleben zu sein.

Nun frage ich mich, was uns dieser Mensch damit eigentlich sagen will. Und natürlich: Was will er eigentlich seinen Mitarbeitern sagen?

Hauptsächlich ist das sicherlich eine der üblichen Heldengeschichten des Managements. Sie arbeiten alle dort 60-80h pro Woche, verschenken alle Urlaub und schlafen alle kaum, um uns Normalsterblichen zu zeigen, dass sie ihre Position alleine durch harte Arbeit verdient haben. Die Aussage soll also die über Verzicht selbst erarbeitete Einzigartigkeit herausstellen, die uns die vielen Vorteile des Managements- und Unternehmerlebens verständlich macht. So gesehen leicht durchschaubar.

Als weiteres zeigen diese Aussagen ein bis zur Verachtung gehendes Unverständnis gegenüber Menschen, die auf die Freiheit des Urlaubs als Zeit der Erholung oder auch nur Abtrennung von der Erwerbsarbeit bestehen. Diese Menschen sind Schwächlinge, sie müssen offenbar zur Arbeit gezwungen werden, denn Spaß haben sie ja keinen daran (sonst würden sie ja immer arbeiten). Ich bewundere in diesem Zusammenhang die direkten Mitarbeiter dieses Herrn. Es würde mich interessieren, wie diese es unter einem Menschen mit solchen Einstellungen mit dem Urlaub halten. Nebenbei erscheint mir die gezeigte Einstellung gegenüber körperlich arbeitenden Menschen, deren Körper mit 50 Jahren verbraucht ist, als hochgradig arrogant und ignorant.

Zuletzt meine ich, dass dieser Mensch offenbar die Chancen einer Auszeit auch für sich selber – aber vor allem für seine Mitarbeiter – nicht erkennt. Wer nur sein Unternehmen und – bei diesem Mann – den Fußball als Interessen hat, braucht vielleicht keine Fernreisen in fremde Kulturen, keine Familienzeit, keine Auszeit, um sich in ein noch fremdes Gebiet intensiv einzuarbeiten. Dabei hat Urlaub in diesem Zusammenhang wenig mit „Erholung“ oder „fehlendem Spaß bei der Arbeit“ zu tun, also wenig mit „Schwäche“. Aber um das zu erkennen, müsste man ihn selber zu nutzen wissen.

Alles in allem machen mich diese ignoranten Meinungsführer des Managements traurig. Sie erkennen nicht, dass sie aus ihrer Position heraus Dinge machen können, für die andere Urlaub nehmen müssten. Und werfen den anderen dann implizit ihren Urlaub vor. (Wer von seinen Angestellten könnte denn so nebenbei ohne Auszeit Präsident von Hannover 96 sein?)
Sie verachten Menschen, die nicht emsig als homo faber um das goldene Kalb tanzen.
Und sie zeigen doch nur die langweilige und interessenlose Eingleisigkeit ihres Lebensentwurfs, die sie – und die beteiligten Medien – uns selbstbewusst oder eher egozentrisch als Idealbild verkaufen wollen.

Ergänzung: Herrlich passend dazu der heutige Dilbert.

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