Geht’s auch ohne Hierarchie?

Immer wieder entstehen Unternehmen, die für ihre Unternehmenskultur explizit das Fehlen von Hierarchie als eines der fundamentalen Prinzipien herausstellen. Die Idee der Unternehmensgründer ist dabei meist, dass sich Führung besser durch Leistung, Wissen oder Persönlichkeit entwickelt als durch eine intransparente Ernennung aus der Hierarchie heraus. Führer müssen sich beweisen, denn ansonsten werden sie in einem solchen Umfeld schnell wieder ins Glied zurückgestellt. So zumindest die Theorie.

Was aber zeigt die Praxis? Ein Artikel aus der FAZ bestätigt hierbei Unterhaltungen, die ich mit Mitarbeitern aus solchen Unternehmen selbst geführt habe.

Der Inhalt des Artikels ist schnell zusammengefasst: Eine Mitarbeitern verlässt das amerikanisches Unternehmen GitHub, weil sie mit der Firmenkultur immer weniger zu Recht kommt. Soweit so unspektakulär und tausendfach gehört.
Interessant ist eher der Hintergrund der Entscheidung und die Firmenkultur, auf deren Basis diese Entscheidung getroffen wurde. Denn wer den Blog ein wenig verfolgt hat: Glauben wir wirklich, dass eine komplett hierarchiefreie Unternehmung größeren Maßstabs möglich ist? Bei all den Motivationsanreizen, die viele gerade ehrgeizige Menschen benötigen?

Was ist in diesem so hierarchiefreien Unternehmen passiert? Es entstand automatisch eine Schattenhierarchie über Zugangsrechte zu „internen Kreisen“. Es bilden sich Sonderrechte heraus, die gepflegt und erhalten werden. Und die schon allein aufgrund der rechtlich vorgegebenen Unterschriftspflichten von Unternehmungen existieren müssen.
Und diese Sonderrechte ziehen natürlich wie Licht die Motten in der Nacht die Achiever im Unternehmen an. Die, sobald sie das Licht erreicht haben, alles daran setzen werden, dieses Licht nicht mehr aus den Händen zu lassen.
Ein Satz in diesem Artikel beschreibt sehr gut die Misere für alle anderen im Unternehmen:
„Denn qua Unterschriftenbefugnis, „seniority“ (wer ist wie lange da?) und Zugang zu allerlei strategischen Interna gibt es Hierarchien dann doch – aber, weil sie geleugnet werden, leider keinerlei Rechtssicherheit im Umgang mit ihnen.

Ja natürlich: Gegen einen offen sichtbaren Gegner, dessen Stärke man einschätzen kann, ist es leicht zu kämpfen – egal wie stark er tatsächlich ist. Wie viel schwieriger ist der Kampf mit einem Gegner, der gar nicht als solcher erkennbar ist? Und der im Kampf eher verschwimmt als greifbarer wird? Sind das nicht die Gegner, an denen bereits die Helden der Sagen und Märe der menschlichen Frühzeit scheitern? Scheitern müssen?

Aus diesem Grund glaube ich, dass eine solche Firmenkultur – so romantisch sie einem vorkommen mag – vor allem eines erreichen wird: Verunsicherung vieler und darauf basierend Machterhalt weniger, die sich in einem noch weit intransparenteren System durchgesetzt haben, als es jede noch so dysfunktionale hierarchische Organisation zu Wege bringt. Denn wer wirklich Hierarchiefreiheit als Selbstzweck umsetzen will, müsste jegliches Sonderrecht aus der Welt schaffen. Und wie realistisch das in Unternehmungen mit mehreren hundert Mitarbeitern ist, kann jeder sich selbst überlegen.

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