Gamifizierung – ein Spiel?

Auf Spiegel Online bzw. CNN als erste Quelle bin ich auf ein schönes Beispiel für angewandte Gamifizierung in Unternehmen gestoßen.

Ein US-Unternehmen – ironischerweise in der Industrie für Bad- und Kloausstattung unterwegs – überwacht über eine Ausweiskontrolle die zeitliche Nutzung seiner Toiletten. Begründung: Ein offenbar hoher Produktionsausfall durch exzessives „Austreten“ der Mitarbeiter.

Die Zielstellung vom Management ist offenbar eine Nutzung der Klos von maximal 60 Minuten in 10 Arbeitstagen pro Mitarbeiter, im Durchschnitt also maximal 6 Minuten pro Tag. Führungstechnisch ist das zumindest „interessant“.

Was das ganze in seiner Absurdität zu einem Thema für meinen Blog macht: Es gibt darüber hinaus ein Belohnungssystem, das jedem Arbeiter, der während der Arbeitszeit das Klo nicht benutzt, pro Tag einen Dollar gutschreibt. Und zwar mit Hilfe eines monatlich erhältlichen Geschenkgutscheins, der nach erfolgreichen 20 Tagen eingelöst werden kann.

Ich finde, das System ist noch nicht wirklich ausgereift. Was für mich fehlt:

  • Natürlich ein „leaderboard“ mit einem Ranking über die auf dem Klo verbrachte Arbeitszeit.
  • Das öffentliche Feiern des „Einhalte“-Meisters, z.B. durch eine Verleihung eines kleinen Pokals und mit einem Artikel in der Hauspostille.
  • Ein etwas kreativerer Umgang mit „badges“. Wie wäre es mit einem aufnähbaren „Einhalte“-Sticker für den Blaumann, verliehen nach 20 Tagen ohne Klogang in Bronze, nach 40 Tagen in Silber und nach 60 Tagen in Gold.
  • Auch erscheint es mir erstrebenswert, die sozialen Aspekte stärker zu nutzen: Die Organisation von Gruppenwettbewerben im Klovermeiden. Ein Diskussions-Board, auf dem Strategien zur Vermeidung von Klogängen ausgetauscht und bewertet werden können. Ein Mentor/Mentee-Programm, in dem ein mindestens Silber-gebadgter einen Neuling unter die Fittiche nimmt.
  • – …

Spaß beiseite: Aus meiner Sicht ist dies ein perfektes Beispiel, wie Motivation bei Mitarbeitern durch kontraproduktive Zielstellungen untergraben werden kann.
Wenn es ein Problem mit den Ausfallzeiten in der Werkstatt gibt, ist das natürlich ein Zeichen von Demotivation. Der Hintergrund wird aber nicht in der Abwesenheit einzelner liegen, sondern im Managementsystem, das zu dieser Abwesenheit führt.
Sollte tatsächlich ein Ausbringungs- und/oder Kostenthema existieren – was ich nach dem Artikel sofort glaube – dann wird die Lösung in einer stärkeren Fokussierung der Mannschaft auf den Unternehmenserfolg zu suchen sein. Realistische Ausbringungsziele und eine Bezahlung von Gruppenprämien bei Überschreitung inkl. der oben genannten Gamifizierungsaspekte erscheint mit hier ein wirksameres und nachhaltigeres Mittel als die Kontrolle der Klozeiten einzelner.

Was ich hier lese, ist doch eher ein Managment-Supergau einer Führung, die den Fokus verloren hat und offenbar viel Zeit und Geld einsetzt, um Nebenkriegsschauplätze aufzureißen und zu beherrschen. Ich möchte nicht wissen, wieviel Zeit und Geld in die Entwicklung einer Personaldatenerfassung an allen Klotüren inkl. Anbindung an ein Abrechnungssystem geflossen ist. Dabei bin ich überzeugt, dass diese Zeit viel besser in Rundgänge auf dem „shopfloor“ und in Gespräche mit den Mitarbeitern investiert worden wäre. Neben der Entwicklung eines Ziel- und Bezahlungssystems, das tatsächlich auf den Unternehmenserfolg ausgerichtet wäre.

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