Gamifizierung statt Führung

Bei der Suche nach Standardlösungen für die Gamifizierung von Unternehmen stolperte ich über den selbsternannten „leader in gamification“ – die amerikanische Firma Bunchball.
Sie bietet mit einer Software namens „Nitro“ einen „gamification engine“ an, der – integriert in viele Plattformen – eine standardisierte Anwendung von Prinzipien der Gamifizierung ermöglichen soll.

Da das sehr interessant klingt, versuchte ich zu verstehen, wie diese Software innerhalb eines Unternehmens funktionieren kann. Und fand auf der Seite des Unternehmens ein lehrreiches Video.

Für diejenigen, die den Film nicht ansehen können oder wollen: Was erleben wir hier?

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Zunächst einen Haufen extrem demotivierter Mitarbeiter wie die Hühner auf der Stange im Großraumbüro.

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Dazu eine Managementgruppe, die – abgeschottet von ihren Mitarbeitern – darüber rätselt, was in ihrer Firma los ist. Und vor allem nach Lösungen für das Motivationsproblem sucht. Die ersten Ideen: Entweder ein paar Mitarbeiter feuern oder sie doch wenigstens per Mail unter Druck setzen.

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Doch plötzlich geschieht ein Wunder: Die Mitarbeiter sind wieder motiviert. Sie arbeiten. Sie sind glücklich. Auch das beobachtet das Management aus dem abgeschotteten Besprechungszimmer. Was ist passiert: Nitro wurde eingeführt. Das Management kann jetzt also den Mitarbeitern Aufgaben und Belohnungen durch dieses Systems erteilen. Und beide Seiten sind glücklich und zufrieden.

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Und warum sind die Mitarbeiter glücklich? Die Mitarbeiter werden begeistert durch plötzlich wie aus dem nichts auf ihrem Bildschirm aufpoppende Aufgabenstellungen und durch große Monitore im Büro, auf denen ihr Erfolg bei der Aufgabenabarbeitung allen präsentiert wird.

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Aber das beste kommt noch: Sollte ein Chef doch zufällig am Arbeitsplatz seines Mitarbeiters etwas mitbekommen, das nicht zu seiner Zufriedenheit ist: Schnell an den Computer, eine kleine neue Aufgabe getippt – und schon funktioniert der Mitarbeiter wieder.
Was ein Traum für ein Management: Führung aus der Konserve.

Natürlich ist das ein Werbefilmchen, das nicht zu ernst genommen werden sollte.
Nichtsdestotrotz verdeutlicht es aus meiner Sicht auf drastische Art und Weise eine komplett falsche Erwartungshaltung an Gamifizierung. Gamifizierung ist eben nicht das Ersetzen von Kommunikation und Führung durch spielerische Softwaresysteme.

Im Grunde ist das hier gezeigte, mechanistische Menschenbild erschreckend:
Führungskräfte, die sich weigern, mit ihren Mitarbeitern in direkten Austausch zu gehen. Und die ein Aufgabenverteil- und Belohnungssystem brauchen, um ihre Ziele zu erreichen.
Ihnen gegenüber Mitarbeiter, die durch eben dieses Rechnersystem und ohne jede Begründung ihre Aufgaben erhalten. Und die sich durch Punkte und „Mitarbeiter des Tages“-Meldungen motivieren lassen, die ihnen gestellten Aufgaben mit Begeisterung zu erfüllen.

Dass mit dieser Vorstellung von Führung keine langfristige Motivierung erreicht werden kann, dürfte vorhersagbar sein. Denn wo ist darin die Sinnstiftung? Und wo bleibt die zwischenmenschliche Auseinandersetzung jenseits der Konkurrenz um die mageren Belohnungen?
Führte nicht eben diese Entmenschlichung über Email, Cubicles und distanziertem Management zu der anfangs gezeigten Demotivierung?

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